Gelesen von Stefan Franke
Herr Redakteur!
Wenn die Wiener aus der Schüle der Stadt an Sommerabenden aufs Land kommen, atmen alle erleichtert und erfrischt auf; ein Gefühl von Ruhe und Behagen will in unsere Gemüter einziehen. Allerwärts grünt und blüht es, und an allen Ecken jeder Ortschaft sind auch anmutige Pflöcke eingerammt mit Tafeln, welche die höchste Ordnung sichern, denn sie tragen die streng verwirklichte Warnung des Vagabunden-Gesetzes: „Wer bettelt, wird mit Arrest bis zu drei Monaten bestraft.“
Wir staunen über solche Ordnung und gesetzgeberische Energie - da erklingt plötzlich ein Leierkasten neben uns, welcher alle Nerven in Aufruhr setzt, und die ganze Mannschaft des elenden Musikkastens beginnt Jagd zu machen auf die Passanten. Diese Musik dauert bis in die Nacht; denn der Landaufenthalt hat noch das Gute, dass man die Leierkästen, welche auf irgendeinem Flecke im Orte stehen, überallhin hört. Man genießt stundenlang „Fischerin, du kleine“ und ähnliche Gassenhauer piano, forte, fortissimo, je nach der Entfernung des Marter-Instruments vom Ohre. Gibt’s da keine Hilfe?
An Tagen des Urlaubes, die man ganz auf dem Lande verbringt, macht man die Entdeckung, dass die Marter auch tagsüber blüht. Da lob ich mir doch Wien. Dort hört man diese Werke der Kunst nur so lange, als sie im eigenen Hause oder in den Nachbarhäusern spuken, während sie hier den ganzen Tag die Ohren massakrieren.
Das Gemeinde-Amt kann nichts vorkehren, denn die Bezirkshauptmannschaft erteile die Lizenz zum „Werkeln“. Möchten nicht endlich einmal unsere zahlreichen "Naturverschönerungs-Vereine" gegen diese unschöne Störung der öffentlichen Ruhe einmütig Front machen?
Ein Purkersdorfer Sommerfrischler