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Vier Bräute – und ein toter Bräutigam

2. April 1876 · Illustrirtes Wiener Extrablatt
Stefan Franke

Gelesen von Stefan Franke

Als am letzten Donnerstag Nachmittags in der Totenkammer des allgemeinen Krankenhauses die Leiche des daselbst verstorbenen Bronzearbeiter-Gehilfen Theodor Lutzner zur allgemeinen Besichtigung ausgesetzt worden war, erschienen nacheinander vier Frauenspersonen weinend und jammernd an dem Sarge des Verstorbenen und jede derselben legte einen frischen Kranz auf den noch offenen Sargdeckel. Die Vier hielten sich ursprünglich für Anverwandte des Toten, erst im Laufe des Gespräches ergab sich der wahre Sachverhalt. Nach dieser Enthüllung rissen zwei der Betrogenen die Kränze vom Sarge und verließen schimpfend den Totenhof; die anderen beiden verharrten bis nach Schluss der Einsegnung und ließen dem Toten die Kränze als letztes Liebeszeichen. Lutzner hatte allen vieren die Heirat versprochen gehabt und noch wenige Tage vor seinem Tode machte er die zynische Bemerkung: „Mir scheint, bei meiner Leich’ wird’s a Hetz geben!“