1
00:00:04,280 --> 00:00:08,520
Menschen, die andere Menschen 
ermorden, um sie zu berauben,

2
00:00:08,520 --> 00:00:15,200
das ist Raubmord, und um diesen 
drehen sich heute alle Texte.

3
00:00:15,200 --> 00:00:20,640
Herzlich Willkommen bei "Monarchie-Morde", 
dem Podcast, in dem ich, Stefan Franke,

4
00:00:20,640 --> 00:00:27,520
in alten Zeitungen der Kaiserzeit schmökere und 
Ihnen ein paar Kriminalfälle von damals vorlese,

5
00:00:27,520 --> 00:00:32,480
so wie eben über diese in 
der Zeitung berichtet wurde.

6
00:00:32,480 --> 00:00:38,320
Ja, wir haben heute Berichte aus München, 
Stuttgart, Salzburg, aus Wien, aus Schaffhausen

7
00:00:38,320 --> 00:00:44,560
und aus Potsdam. In manchen dieser Berichte 
wird das Urteil gefällt, in anderen wiederum

8
00:00:44,560 --> 00:00:52,280
ist der oder die Täterin flüchtig. Ein blutiges 
Potpourri an Texten aus längst vergangenen Tagen.

9
00:00:53,160 --> 00:00:58,600
Und ich denke, ich werde das diesmal wieder so 
wie das letzte Mal machen und nichts zwischen

10
00:00:58,600 --> 00:01:05,280
den Texten sprechen, dann können Sie 
diese Zeitreise ganz intensiv erleben,

11
00:01:05,280 --> 00:01:10,840
ohne von mir immer wieder in die 
Jetztzeit zurückgeholt zu werden.

12
00:01:10,840 --> 00:01:16,040
Raubmord
Innsbrucker Nachrichten, 9. November 1874

13
00:01:16,560 --> 00:01:22,360
Aus München wird vom 3. des Monats geschrieben: 
Eine schreckliche Kunde durcheilt die Stadt,

14
00:01:22,360 --> 00:01:28,240
indem gegen halb 6 Uhr Abends ein Raubmord an 
zwei Inwohnern des Buchbinder Oettl'schen Hauses

15
00:01:28,240 --> 00:01:33,320
am Marienplatze begangen worden sein 
soll. Als ich sogleich zur Stelle eilte,

16
00:01:33,320 --> 00:01:38,800
fand ich vor diesem Hause mehrere hundert Leute 
stehen, die lebhaft die frevelhafte Tat besprachen

17
00:01:38,800 --> 00:01:44,640
und verdammten. Von kompetenter Seite erfahre ich 
weiter, dass der Raubmord an dem pensionierten

18
00:01:44,640 --> 00:01:50,200
Briefträger Thomas Kämmerer und seiner Frau 
begangen wurde, die im 2. Stock vornheraus des

19
00:01:50,200 --> 00:01:56,240
genannte Hauses wohnten. Die Zugeherin, welche 
allabendlich in die Wohnung kam, war die erste,

20
00:01:56,240 --> 00:02:02,160
welche den anderen Inwohnern des starkbevölkerten 
Hauses Kunde von dem furchtbaren Verbrechen gab.

21
00:02:02,160 --> 00:02:09,000
Die beiden glücklich lbenden, schon bejahrten 
Eheleute lagen entseelt im Zimmer. Kämmerer lag

22
00:02:09,000 --> 00:02:15,280
unter dem Tische mit einem Säbel in der HAnd und 
aus mehreren Wunden blutend; seine Frau auf dem

23
00:02:15,280 --> 00:02:22,040
Sofa, gleichfalls ein Messer in der Hand und von 
mehreren Stichen im Rückrate und Halse getroffen.

24
00:02:22,040 --> 00:02:28,560
Am 5. des Monants Nachmittags gegen 4 Uhr wurde 
der in Augsburg abgefasste Tischlergeselle Thomas

25
00:02:28,560 --> 00:02:32,960
Aumer, welcher nach eigenem Geständnisse 
die Kämmerer'schen Eheleute erschlagen hat,

26
00:02:32,960 --> 00:02:38,960
per Bahn in Mümchen eingebracht und unmittelbar 
vom Bahnhofe in das Gebäude der Polizeidirektion

27
00:02:38,960 --> 00:02:45,040
transportiert, wo sofort Herr Polizeirat 
Bauer die Vernehmung desselben begann. Der

28
00:02:45,040 --> 00:02:50,960
Verüber der Bluttat (Bruderssohn der ermordeten 
Frau) ist ein Mensch von mittlerer Mannesgröße,

29
00:02:50,960 --> 00:02:57,720
jedoch kräftigem Körperbau, mit braunem Lockenkopf 
und einem dunkelblonden Schnurrbärtchen. Sein

30
00:02:57,720 --> 00:03:04,360
Äußeres könnte man hübsch nennen, wenn nicht seine 
Züge, insbesondere die Augen, den Stempel einer

31
00:03:04,360 --> 00:03:10,960
wilden Leidenschaftlichkeit trügen. Er macht nun, 
da er in den Händen der Gerechtigkeit ist, den

32
00:03:10,960 --> 00:03:30,520
Eindruck eines Panters im Käfig. Der Mörder hat 
nur an einer Hand eine unbedeutende Verwundung.

33
00:03:30,520 --> 00:03:36,080
Raubmord
Morgen-Post, 17. Mai 1858

34
00:03:36,080 --> 00:03:41,640
Aus Potsdam wird ein empörender Raubmord 
gemeldet, der am 13. Vormittags auf der

35
00:03:41,640 --> 00:03:46,720
Leipziger Chaussee in der Haide zwischen 
Michendort und den Jägerschießständen bei

36
00:03:46,720 --> 00:03:53,080
Potsdam an einem Fuhrmann verübt worden. Derselbe 
wurde an jener Stelle von einem anderen Fuhrmann,

37
00:03:53,080 --> 00:03:58,960
der wöchentlich zwischen Beelitz und Potsdam 
fährt, tot neben seinem Fuhrwerk gefunden. Die

38
00:03:58,960 --> 00:04:04,240
vier Pferde waren abgespannt, und ein Kasten auf 
dem Wagen, in dem sich das Geld und die Papiere

39
00:04:04,240 --> 00:04:10,680
befanden, aufgebrochen und geplündert. Aus den 
aufgefundenen Papieren ergab sich, dass der

40
00:04:10,680 --> 00:04:16,440
Ermordete in Böhmen zu Hause ist und in Leipzig 
Fracht nach Frankfurt an der Oder geladen hatte.

41
00:04:16,440 --> 00:04:20,560
Die Untersuchung der in das Leichenhaus 
nach Potsdam gebrachten Leiche ergab,

42
00:04:20,560 --> 00:04:25,680
dass der Mann durch einen Schlag mit einem 
Knüppel auf den Kopf, einen Schuss und mehrere

43
00:04:25,680 --> 00:04:45,880
Stiche getötet worden. Wie man hört, soll man zwei 
der Tat verdächtigen Personen auf der Spur sein.

44
00:04:45,880 --> 00:04:47,280
Raubmord

45
00:04:47,280 --> 00:04:52,520
Salzburger Chronik für Stadt 
und Land, 13. März 1900

46
00:04:52,520 --> 00:05:00,200
Salzburg, 12. März. Um 4 Uhr wird die Verhandlung 
wieder aufgenommen. Die Sachverständigen Dr.

47
00:05:00,200 --> 00:05:05,000
Sieber und Dr. Wiederwald erstatten ihre 
Äußerungen über den Befund der Leiche der

48
00:05:05,000 --> 00:05:12,600
Schmitzberger. Der Kopf war gräulich zugerichtet; 
es dürfte derselbe über 20 Hiebe erhalten haben.

49
00:05:12,600 --> 00:05:19,360
Anzunehmen sei, dass jene Person, die dieselben 
zugefügt, die Absicht zu töten gehabt habe. Die

50
00:05:19,360 --> 00:05:25,400
Psychiater Dr. Hövel und Dr. Sickinger geben 
ihr Gutachten dahin ab, dass die Angeklagte,

51
00:05:25,400 --> 00:05:30,040
welche sie während der 3 Wochen in Wien in 
Beobachtung hatten, keine geistesgestörte

52
00:05:30,040 --> 00:05:35,840
Person sei, dieselbe sie wohl erblich belastet, 
da einige ihrer Verwandten geisteskrank gewesen,

53
00:05:35,840 --> 00:05:42,720
infolgedessen sei sie wohl reizbarer als 
ein anderer Mensch. Die Angeklagte sei auch

54
00:05:42,720 --> 00:05:49,200
zu Zeit des inkriminierten Deliktes nicht in 
einem Zustande der Sinnesverwirrung gewesen.

55
00:05:49,200 --> 00:05:53,280
Hinsichtlich der Fragestellung beantragt 
der Verteidiger die Stellung einer Frage

56
00:05:53,280 --> 00:06:00,360
nach Paragraph 2 littera c des Strafgesetzbuches 
auf Sinnesverwirrung, sowie eine Eventualfrage

57
00:06:00,360 --> 00:06:07,560
auf Totschlag und nachfolgenden Diebstahl. 
Der Staatsanwalt spricht sich dagegen aus.

58
00:06:07,560 --> 00:06:13,280
Der Gerichtshot stellt an die 
Geschwornen folgende 6 Hauptfragen:

59
00:06:13,280 --> 00:06:18,480
1. Hauptfrage auf Raubmord.
2. für den Fall der Verneinung der

60
00:06:18,480 --> 00:06:25,160
Hauptfrage die Frage auf räuberischen Totschlag.
3. im Falle der Verneinung der Fragen 1 und

61
00:06:25,160 --> 00:06:32,680
2 eine Frage auf einfachen Totschlag und
4. eine Frage auf nachfolgenden Diebstahl.

62
00:06:32,680 --> 00:06:38,680
5. für den Fall der Bejahung der Frage 4 
eine Eventualfrage, ob sie den Diebstahl

63
00:06:38,680 --> 00:06:46,720
in einer zugestoßenen Bedrängnis begangen ahbe 
und endlich eine 6. Frage auf Sinnerverwirrung.

64
00:06:46,720 --> 00:06:51,400
Der Staatsanwalt leitet sein Plaidoyer damit 
ein, dass die Kriminalgeschichte des vorigen

65
00:06:51,400 --> 00:06:57,960
Jahres sehr traurige Fälle zu verzeichnen hatte. 
Der Redner verweit auf den Mord zu Ostern im

66
00:06:57,960 --> 00:07:03,840
Friedhofe an einem unschuldigen Mädchen und an 
jenen, dem ein harmloser Wanderer am Gaisberge

67
00:07:03,840 --> 00:07:10,880
zum Opfer gefallen sei. Am meisten Aufregung 
habe aber der Mord am 31. Oktober verursacht,

68
00:07:10,880 --> 00:07:17,240
und Gatt habe gewollt, dass derselbe nicht 
unentdeckt geblieben sei. Der Redner führt

69
00:07:17,240 --> 00:07:22,440
nun eine Reihe von Beweismitteln an und 
betont, dass die wichtigste Zeugin dafür,

70
00:07:22,440 --> 00:07:27,840
dass die Angeklagte mit der Absicht, um sich 
des Geldes zu bemächtigen, den Mord begangen,

71
00:07:27,840 --> 00:07:35,120
die Ermordete selbst sei, welche an der Pforte der 
Ewigkeit stehend, ihre Aussagen noch klar machte.

72
00:07:35,720 --> 00:07:44,000
Der Redner schließt mit den Worten, dass also ein 
Raubmord vorliege (Es ertönen Bravorrufe im Saal).

73
00:07:44,000 --> 00:07:47,880
Der Vorsitzende rügt diese Kundgebungen.

74
00:07:47,880 --> 00:07:53,240
Der Verteidiger sagt, er sie nicht in der LAge, 
einen vollständien Freispruch zu empfehlen,

75
00:07:53,240 --> 00:07:58,720
glaubt aber, dass von einem Raubmorde oder 
einem räuberischen Totschlag doch nicht die

76
00:07:58,720 --> 00:08:04,720
Rede sein könne, da solche Verbrechen nicht 
erwiesen seien. Er verweist auf das tadellose

77
00:08:04,720 --> 00:08:10,200
Vorleben der Angeklagten, die in Ehren grau 
geworden und empfiehlt die ersten 2 Fragen

78
00:08:10,200 --> 00:08:17,560
zu verneinen und die 3. und 4. zu bejahen. Es sie 
aber doch auch anzunehmen, dass die Angeklagte in

79
00:08:17,560 --> 00:08:24,720
Sinnesverwirrung die Tat verübt habe, daher 
möge auch die letzte Frage bejaht werden.

80
00:08:24,720 --> 00:08:32,400
Die Geschwornen beantworten die Fragen 
wie folgt: 1. Hauptfrage (Raubmord) 11 Ja,

81
00:08:32,400 --> 00:08:42,280
1 Nein, die Fragen 2, 3, 4, und 5 entfallen 
demnach, 6. Frage (Sinnerverwirrung) 12 Nein.

82
00:08:42,280 --> 00:08:46,920
Der Gerichtshof verurteilt 
demnach die Angeklagte zum Tode.

83
00:08:46,920 --> 00:08:55,120
Der Verteidiger behält sich hinsichtlich 
der Nichtigkeitsbeschwerde Bedenkzeit vor.

84
00:09:04,400 --> 00:09:11,280
Der vierbeinige Detektiv
Illustrierte Kronen Zeitung, 28. Mai 1909

85
00:09:11,840 --> 00:09:16,400
Ein Raubmörder durch einen Polizeihund entdeckt

86
00:09:16,400 --> 00:09:21,760
Gleichsam wie eine Illustration zu unserem 
gestrigen Artikel über den hohen Wert der

87
00:09:21,760 --> 00:09:26,320
zu Polizeidiensten dressierten Hunde 
kommt aus Dortmund die Meldung über

88
00:09:26,320 --> 00:09:31,160
den geradezu sensationellen 
Erfolg eines Polizeihundes.

89
00:09:31,160 --> 00:09:37,000
In Dortmund war Mittwoch an einer 70-jährigen 
Frau ein Raubmord verübt worden und der Mörder

90
00:09:37,000 --> 00:09:43,400
hatte keine sichtbaren Spuren hinterlassen. 
Der Polizeihund Pan nahm Witterung an der

91
00:09:43,400 --> 00:09:50,080
Leiche und sprang alsbald zum Erstaunen der 
Anwesenden an dem Arbeiter Räseweg in die Höhe,

92
00:09:50,080 --> 00:09:55,400
wodurch dieser derart erschreckt wurde, 
dass er den Raubmord sofort eingestand.

93
00:09:55,960 --> 00:09:59,000
Interessant ist, dass der erfolgreiche vierbeinige

94
00:09:59,000 --> 00:10:03,760
"Kriminalist" Pan bei der vorjährigen 
Polizeihundeprüfung in Wien war und

95
00:10:03,760 --> 00:10:22,120
damals wegen seiner vorzüglichen 
Dressur allgemein bewundert wurde.

96
00:10:22,120 --> 00:10:22,202
Raubmord
Temesvarer Zeitung, 22. Oktober 1861

97
00:10:22,202 --> 00:10:22,278
Aus Schaffhausen wird ein grässlicher 
Raubmord berichtet. Forstmeister von

98
00:10:22,278 --> 00:10:22,360
Stockar ging am Samstag, den 12. Oktober, 
Abends um 10 Uhr, mit einem Freunde aus

99
00:10:22,360 --> 00:10:22,442
dem Sommer-Kasinolokale nach Hause und 
wurde, nachdem ihn dieser verlassen hatte,

100
00:10:22,442 --> 00:10:22,532
auf dem Wege zu seinem außerhalb der Stadt 
liegenden LAndhause überfallen. Am nächsten

101
00:10:22,532 --> 00:10:22,627
Morgen wurde der Leichnam, bis aufs Hemd und 
Unterhosen entkleidet, über eine Hecke geworfen,

102
00:10:22,627 --> 00:10:22,722
von den vielen beigebrachten Schnittwunden im 
Gesichte fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt,

103
00:10:22,722 --> 00:10:22,814
von einer Milchefrau entdeckt; alle Kleider, 
die Uhr etc. waren geraubt, selbst der Finger,

104
00:10:22,814 --> 00:10:22,912
an dem der Unglückliche seinen Siegelring trug, 
abgeschnitten. Die schauderhafte Untat erfüllte

105
00:10:22,912 --> 00:10:23,008
die ganze Stadt mit Entsetzen; von Stockar war 
einer der hochachtbarsten Bürger Schaffhausens,

106
00:10:23,008 --> 00:10:23,072
wegen seines biederen, ehrenhaften 
Charakters allgemein beliebt.

107
00:10:23,072 --> 00:10:27,040
Raubmord
Salzburger Volksblatt, 06. Mai 1881

108
00:10:27,040 --> 00:10:33,600
Salzburg, 3. Mai. Der Angeklagte, Johann 
Lackner, macht durch seine Erscheinung,

109
00:10:33,600 --> 00:10:40,600
durch sein ganzes Auftreten den Eindruck eines 
rohen Menschen. Ein Blick in sein Gesicht genügt,

110
00:10:40,600 --> 00:10:46,800
um die Überzeugung zu gewinnen, dass dieser 
Mann eines Mordes fähig sein kann. Wie in der

111
00:10:46,800 --> 00:10:52,080
Voruntersuchtung ist der Angeklagte auch heute 
geständig; nur dagegen verwahrt er sich auf das

112
00:10:52,080 --> 00:10:58,720
entschiedenste, dass er sein Opfer auch beraubt 
habe. Nur die Uhr habe er an sich genommen,

113
00:10:58,720 --> 00:11:06,000
weil sie dem Zagler, als er zusammenstürzte, aus 
der Tasche gefallen sei, "So wahr i Mensch bin,

114
00:11:06,000 --> 00:11:12,480
Geld hab' i eahm koan's gnumma" – so ruft 
er beteuernd aus, findet aber wenig Glauben.

115
00:11:12,480 --> 00:11:17,920
Die Zeugenaussagen lauten durchwegs gravierend 
für den Angeklagten. So namentlich jene

116
00:11:17,920 --> 00:11:22,800
des Bräuknecktes Friedrich Schoibl, der 
über das auffallende Benehmen Lackner's,

117
00:11:22,800 --> 00:11:27,080
von seinem Zusammentreffen mit ihm 
im Krämerwirtshause und auf dem

118
00:11:27,080 --> 00:11:32,160
Wege bis nach Guggental aussagt. Aus 
dieser Schilderung ist zu entnehmen,

119
00:11:32,160 --> 00:11:37,080
dass Lackner als sein eigentliches Opfer 
anfangs den Schoibl ausersehen hatte.

120
00:11:37,760 --> 00:11:43,560
Zeugin Emilie Tilg weiß, dass der Ermordete 
am Tage vor seiner Ermordung eine Geldblase

121
00:11:43,560 --> 00:11:49,440
gehabt habe, die bei der Leiche aber nicht mehr 
aufgefunden wurde, weshalb die Annahme naheliegt,

122
00:11:49,440 --> 00:11:56,000
dass Lackner sie geraubt. Es wurde bei 
demselben später auch eine gesehen.

123
00:11:56,000 --> 00:12:01,080
Zeuge Franz Bernhofer, der Schwager des 
Getöteten, schildert diesen als einen sehr

124
00:12:01,080 --> 00:12:07,360
gutmütigen Menschen; Schimpfen sei nie seine 
Art gewesen. Er wisse aus Äußerungen Zagler's,

125
00:12:07,360 --> 00:12:13,240
dass dieser mit dem Angeklagten gut befreundet war 
und der Ermordete jenem oft mit Geld ausgeholfen

126
00:12:13,240 --> 00:12:19,080
habe. Dieser Aussage gegenüber wirft der 
Angeklagte ein, dass Zagler im Rausche

127
00:12:19,080 --> 00:12:25,400
immer heftig geschimpft habe, ja einmal habe 
er sogar einem Bauer mit dem Messer aufgepasst.

128
00:12:26,360 --> 00:12:31,840
Die Aussagen der Theresia Schweinberger, 
Kellnerin im Steintorgasthaus, des Mathias

129
00:12:31,840 --> 00:12:37,800
Egger und Josef Pertiller sind von minderer 
Wichtigkeit, ebenso jene der Rosina Brückl,

130
00:12:37,800 --> 00:12:40,520
Tändlerin in Nonntal, bei welcher der Angeklagte

131
00:12:40,520 --> 00:12:46,360
am Aschermittwoch die Uhr des Ermordeten 
um 3 Gulden und 20 Kreuzer verkauft hat.

132
00:12:47,000 --> 00:12:52,600
Die beiden Sachverständigen Dr. Schumacher und Dr. 
Sieber bekräftigen in ihren Gutachten jenen Teil

133
00:12:52,600 --> 00:12:57,960
der Anklage, welcher von den Verletzungen 
und der Todesursache Zagler's spricht.

134
00:12:57,960 --> 00:13:02,880
Es gelanen noch zahlreiche Aktenstücke zur 
Verlesung. Die Leumundsnote bezeichnet den

135
00:13:02,880 --> 00:13:08,120
Angeklagten als keinen bösartigen, 
aber sehr zum Müßiggang geneigten,

136
00:13:08,120 --> 00:13:14,960
arbeitsscheuen Menschen, dem immer darum zu 
tun, Geld für seine Passionen zu besitzen.

137
00:13:14,960 --> 00:13:20,200
Der Gerichtshof unter Vorsitzendem Herrn 
Landesgerichtsrat Mair, stellt 4 Fragen,

138
00:13:20,200 --> 00:13:25,200
darunter die erste auf meuchlerischen 
Raubmord, dann eine auf Meuchelmord,

139
00:13:25,200 --> 00:13:30,200
eine auf räuberischen Totschlag 
und eine auf einfachen Totschlag.

140
00:13:30,200 --> 00:13:36,680
Staatsanwalt-Substitut R. von Grimburg hält die 
Anklage auf meuchlerischen Raubmord aufrecht.

141
00:13:36,680 --> 00:13:42,440
Verteidiger Dr. Prinzinger junior bekämpft den 
Raubmord und versucht alles, um die Geschworenen

142
00:13:42,440 --> 00:13:48,440
zu einer milderen Auffassung zu bestimmen. 
Nach dem Resumé des Vorsitzenden ziehen sich

143
00:13:48,440 --> 00:13:54,760
die Geschworenen ins Beratungszimmer zurück. Eine 
halbe Stunde später verkündigt ihr Obmann, Herr

144
00:13:54,760 --> 00:14:02,640
Optiker Fischer, das Verdikt. Es lautet einstimmig 
auf: "Schuldig des meuchlerischen Raubmordes".

145
00:14:02,640 --> 00:14:07,720
Auf Grund dieses Wahrspruches fällt 
der Gerichtshof das Todesurteil.

146
00:14:08,280 --> 00:14:26,360
Lackner nimmt es ruhig und gleichmütig 
ohne sichtbare Erregung entgegen.

147
00:15:43,160 --> 00:15:50,400
Ein neuerlicher Raubmord bei Wien
Neue Freie Presse, 14. August 1882

148
00:15:51,160 --> 00:15:56,960
Nur wenige Tage sind verflossen, seitdem 
zwei Raubmorde auf der Prager Reichsstraße

149
00:15:56,960 --> 00:16:02,240
verübt wurden, und heute haben wir über ein 
drittes Verbrechen dieser Art zu berichten,

150
00:16:02,240 --> 00:16:07,640
welches in der Nähe von Groß-Enzersdorf 
begangen worden. Es ist dies ein höchst

151
00:16:07,640 --> 00:16:12,840
bedenkliches Zeichen der Unsicherheit auf 
den Hauptstraßen in der Umgegend von Wien,

152
00:16:12,840 --> 00:16:17,560
welches für die Notwendigkeit einer 
strengeren Überwachung derselben spricht.

153
00:16:17,560 --> 00:16:22,440
Eine Vermehrung der Gendarmerie erscheint 
sonach dringend geboten, um der Bevölkerung

154
00:16:22,440 --> 00:16:28,640
der Umgegend Wiens das Gefühl der vollen 
Sicherheit wieder zu gewähren. Der Fall,

155
00:16:28,640 --> 00:16:33,880
um welchen es sich heute handelt, betrifft einen 
Raubmord, der in den Morgenstunden an dem Knechte

156
00:16:33,880 --> 00:16:41,120
Ferdinand Weißenhorn, bei dem Kalkhändler Schediwy 
in Meidling, Ehrenfelsgasse Nr. 22 bedienstet,

157
00:16:41,120 --> 00:16:48,480
in der Nähe von Groß-Enzersdorf verübt worden 
ist. Hierüber liegen folgende Mitteilungen vor:

158
00:16:48,480 --> 00:16:53,880
Heute Früh nach halb 5 Uhr trafen zwei Männer, 
welche von Groß-Enzersdorf nach Wien gingen,

159
00:16:53,880 --> 00:16:58,600
ungefähr 200 Schritte außerhalb des 
erstgenannten Ortes am Straßengraben

160
00:16:58,600 --> 00:17:04,520
einen mit zwei Pferden bespannten Kalkwagen 
an. Die Männer traten hinzu und fanden über

161
00:17:04,520 --> 00:17:10,720
den auf dem Wagen sitzenden Kutscher einen 
Kothen geworfen. Als sie diesen entfernten,

162
00:17:10,720 --> 00:17:16,120
erblickten sie eine blutüberströmte Leiche, 
über deren Schädel bis in die Stirne hinein

163
00:17:16,120 --> 00:17:21,600
eine breite, offenbar mit einem stumpfen 
Instrumente beigebrachte Wunde hinlief.

164
00:17:22,200 --> 00:17:27,400
Dem Ermordeten waren die Kleidungsstücke auf 
der Brust aufgerissen und die Taschen umgekehrt,

165
00:17:27,400 --> 00:17:32,120
so dass man auf den ersten Blick erkennen konnte, 
dass die Leiche in größter Eile beraubt worden

166
00:17:32,120 --> 00:17:37,160
ist. Die beiden Männer nahmen den Wagen samt 
der Leiche mit und führten ihn nach Essling,

167
00:17:37,160 --> 00:17:42,840
wo sie denselben dem dortigen Bürgermeister 
übergaben. Derselbe verständigte sofort das

168
00:17:42,840 --> 00:17:48,760
Bezirksgericht in Groß-Enzersdorf, von welchem 
der Untersuchungsrichter Dr. R. von Kleeborn,

169
00:17:48,760 --> 00:17:54,760
der Schriftführer Franz Dekara und der 
Bezirksarzt Dr. Preleithner zur Aufnahme

170
00:17:54,760 --> 00:18:01,040
des Tatbestandes erschienen. Hiebei wurde erhoben, 
dass der Kutscher wahrscheinlich mit dem auf dem

171
00:18:01,040 --> 00:18:07,160
Wagen vorgefundenen blutigen "Beißer" - einem 
mit Eisen beschlagenem Stocke, welcher beim

172
00:18:07,160 --> 00:18:12,840
Abladen des Kalkes zum Aufheben der hinteren 
Wagenwand benützt wird - erschlagen worden ist.

173
00:18:13,360 --> 00:18:18,000
Bei der Leiche wurden in einem am Halse 
befestiten Täschchen mehrere Gegenscheine

174
00:18:18,000 --> 00:18:23,760
über richtig abgelieferte Kalkfuhren vorgefunden. 
Aus den Scheinen ging hervor, dass der Kutscher

175
00:18:23,760 --> 00:18:30,000
Ferdinand Weißenhorn für den Baumeister Gasteiger 
von Aspern gestern eine Fuhr Kalk nach Orth

176
00:18:30,000 --> 00:18:37,160
gebracht hat. Die weiteren Erhebungen ergagben 
folgende Resultate: Weißenhorn hatte gestern

177
00:18:37,160 --> 00:18:43,280
Abends in Ort seine Fuhre Kalk abgeliefert und 
heute Morgens die Rückfahrt nach Wien mit leerem

178
00:18:43,280 --> 00:18:49,680
Wagen angetreten. Nach 4 Uhr kam er in der Nähe 
von Groß-Enzersdorf an und fragte dort einen ihm

179
00:18:49,680 --> 00:18:55,080
begegnenden Einwohner des genannten Städtchens, 
ob er auf dem richtigen Wege nach Groß-Enzersdorf

180
00:18:55,080 --> 00:19:02,960
und Wien sei. Auf die bejahende Antwort setzte 
Weißenhorn die Fahrt fort. In kurzer Entfernung

181
00:19:02,960 --> 00:19:08,920
hinter dem Wagen bemerkte der erwähnte Mann 
aus Groß-Enzersdorf ein bedenklich aussehendes

182
00:19:08,920 --> 00:19:15,600
Individuum gehen. Es war das ein mittelgroßer 
breitschulteriger Mann mit breitem Gesichte,

183
00:19:15,600 --> 00:19:21,040
das den Anflug eines blonden Schnurrbartes 
hatte; er war mit schäbigem Filzhute,

184
00:19:21,040 --> 00:19:29,480
langem dunklen Rocke, dunkler Hose, blauer Schürze 
bekleidet und barfuß. Dieses Individuum hat sich,

185
00:19:29,480 --> 00:19:36,200
wie konstatiert wurde, die letzten Tage in Ort und 
Groß-Enzersdorf umhergetrieben. Vorgestern hat es

186
00:19:36,200 --> 00:19:41,960
in dem letztgenannten Städtchen übernachtet und 
von der Gemeinde auch eine Unterstützung erhalten.

187
00:19:41,960 --> 00:19:48,200
NAch seinen hiebei gemachten Angaben ist er ein 
Fleischhauer-Gehilfe aus Raffelsberg und sein NAme

188
00:19:48,200 --> 00:19:55,920
Lindner oder Linder. Dass dieses Individuum den 
Raubmord ausgeführt hat, ist nahezu zweifellos.

189
00:19:55,920 --> 00:20:01,520
Bezüglich der Ausführung des Verbrechens lässt 
sich aus der Aufnahme des Tagbestandes schließen,

190
00:20:01,520 --> 00:20:06,720
dass sich der Mörder außerhalb Groß-Enzersdorf 
an den Kalkwagen herangeschlichen, was ihm um

191
00:20:06,720 --> 00:20:12,200
so leichter gelingen mochte, als er barfuß und 
seine Annäherung bei dem Geräusche der Wagenräder

192
00:20:12,200 --> 00:20:18,240
nicht hörbar war. Er nahm dann den auf dem Wagen 
liegenden "Beißer" und versetzte mit demselben dem

193
00:20:18,240 --> 00:20:24,240
Knechte, der auf seinem Sitze etwas eingenickt 
sein dürfte, einen Schlag auf das Hinterhaupt,

194
00:20:24,240 --> 00:20:30,960
welcher den Schädel zertrümmerte. Ein zweiter 
Schlag traf den Vorderkopf und die Stirne.

195
00:20:30,960 --> 00:20:37,800
Durch die beiden Schläge ist der Tod des Kutschers 
sofort eingetreten. Der Mörder hat das Verbrechen

196
00:20:37,800 --> 00:20:42,760
zweifellos in dem Gedanken vollführt, dass 
der am Sonntag Morgen nach Hause fahrende

197
00:20:42,760 --> 00:20:48,320
Kutscher die Beträge für die während der Woche 
gelieferten Kalkfuhren einkassiert habe und also

198
00:20:48,320 --> 00:20:55,080
einen größeren Betrag bei sich trage. Weißenhorn 
hat jedoch nichts einkassiert und hatte nur das

199
00:20:55,080 --> 00:21:01,720
wenige zur Zehrung nötige Geld bei sich. Diesen 
jedenfalls sehr geringen Betrag und die silberne

200
00:21:01,720 --> 00:21:07,600
Uhr des Kutschers hat der Täter geraubt. In 
der ganzen Gegend zwischen Groß-Enzersdorf

201
00:21:07,600 --> 00:21:14,000
und Wien wurden heute den Tag über Streifungen 
vorgenommen. Durch dieselben wurde festgestellt,

202
00:21:14,000 --> 00:21:19,880
dass der Verdächtige um halb 5 Uhr Früh Essling 
passiert hat und im Laufe des Vormittages bei dem

203
00:21:19,880 --> 00:21:25,560
Stadlauer Eisenbahn-Übergang gesehen worden 
ist. Er dürfte sich in den Auen bei Stadlau

204
00:21:25,560 --> 00:21:44,960
umhertreiben. Der Verdächtige ist circa 30 
JAhre alt und hat auffallend große Füße.

205
00:21:44,960 --> 00:21:52,160
Der Raubmord in Stuttgart
Neue Freie Presse, 25. Februar 1884

206
00:21:52,880 --> 00:21:59,240
Über den am 23. des Monats an dem Pfandverleiher 
Reinhardt in Stuttgart verübten Raubmord berichtet

207
00:21:59,240 --> 00:22:06,760
das dortige "Neue Tagblatt" vom 24. des Monats: 
Gestern Abends kurz nach 9 Uhr, als das große,

208
00:22:06,760 --> 00:22:12,920
die ganze Stadt in Atem haltende Maskenfest in der 
Liederhalle in vollem Gange war, ist in dem Hause

209
00:22:12,920 --> 00:22:18,760
des Leonhardsplatzes Nr. 11, wo der Pfandverleiher 
Christian Reinhardt das Parterre und den ersten

210
00:22:18,760 --> 00:22:24,240
Stock innehatte, ein schreckliches Verbrechen 
verübt worden, das die Erinnerung an die Affaire

211
00:22:24,240 --> 00:22:31,720
Heilbronner nur allzu deutlich zurückruft. 
Es war wenige Minuten vor 1/4 10 Uhr, als

212
00:22:31,720 --> 00:22:37,640
Frau Reinhardt von ihrer Wohnung im ersten Stock 
aus die Ladenglocke ertönen hörte; sie sah zum

213
00:22:37,640 --> 00:22:43,720
Fenster hinaus und sagte zu einem untenstehenden 
Manne, ihr Gatte befinde sich im Laden. Gleich

214
00:22:43,720 --> 00:22:49,520
darauf läutete es zum zweiten Male, und als 
sie wieder hinaussah, sagte ihr der Nämliche:

215
00:22:49,520 --> 00:22:56,160
"Es sei ja niemand im Lande, man könnte ja 
alles herausstehlen." Hierauf schickte sie ihren

216
00:22:56,160 --> 00:23:02,880
zehnjährigen ältesten Sohn Richard in den Laden 
hinunter und hörte nun alsbald diesen einen lauten

217
00:23:02,880 --> 00:23:10,160
Schrei ausstoßen, worauf sie selbst, nichts Gutes 
ahnend, über die Treppe ins Geschäftslokal eilte.

218
00:23:10,880 --> 00:23:17,400
Hier fand sie das Gaslicht ausgelöscht und ihren 
Mann mit Blut überströmt als Leiche auf dem Boden

219
00:23:17,400 --> 00:23:24,480
liegen. Die sofort herbeigerufenen Ärzte konnten 
nur den schon eingetretenen Tod konstatieren. Der

220
00:23:24,480 --> 00:23:29,560
Leichnam zeigte zwei schwere Schnittwunden 
über beiden Augen, welche nach Aussage des

221
00:23:29,560 --> 00:23:34,600
Stadt-Direktions-Arztes Dr. Steudel von 
einem schweren metallenen Instrument,

222
00:23:34,600 --> 00:23:41,440
Beil oder dergleichen herrühren. Ferner eine tiefe 
Schnittwunde im Halse von einem scharfen Messer,

223
00:23:41,440 --> 00:23:48,400
welche die Kehle fast vollständig durchdrungen 
hatte. Auch hier war nur Geldgier das Motiv

224
00:23:48,400 --> 00:23:55,680
zu der grässlichen Tat; es fehlen nämlich in der 
Ladenkasse circa 170 Mark in Gold und Silber.

225
00:23:56,240 --> 00:24:02,400
Uhr und KEtte, sowie 160 Mark in Geld, welche 
Reinhardt bei sich trug, waren am Leichnam noch

226
00:24:02,400 --> 00:24:09,000
vorhanden. Bezüglich des mutmaßlichen Täters ist 
ermittelt, dass zur kritischen Zeit ein Bursche,

227
00:24:09,000 --> 00:24:14,680
nachdem er kurz zuvor ein Hemd dort gekauft 
hatte, den Laden zum zweiten Male betrat unter

228
00:24:14,680 --> 00:24:20,680
dem Vorwande, auch ein Beinkleid erwerben zu 
wollen. Frau Reinhardt, welche bis dahin im

229
00:24:20,680 --> 00:24:25,640
Laden gewesen war, entfernte sich, während 
der Unbekannte mit ihrem Manne handelte,

230
00:24:25,640 --> 00:24:31,800
und diesen Moment benützte jener, um einen 
Hahn an der doppelarmigen Lampe abzudrehen

231
00:24:31,800 --> 00:24:37,680
und das Verbrechen auszuführen. Dieser 
mutmaßliche Täter wird als ein Mann von ca.

232
00:24:37,680 --> 00:24:44,880
28 Jahren, etwas über Mittelgröße, schlank, doch 
breitschultrig, mit etwas bleichem Gesicht und

233
00:24:44,880 --> 00:24:49,840
kleinem Barte geschildert; die Kleidung 
ist die eines gewöhnlichen Arbeiters:

234
00:24:49,840 --> 00:24:56,960
dunkles Jaquet, dunkle Beinkleider, weißes 
Hemd. Der Täter dürfte Blutspuren am Körper

235
00:24:56,960 --> 00:25:01,880
und an den Kleidern davongetragen haben 
und ist ohne Kopfbedeckung entflohen.

236
00:25:01,880 --> 00:25:22,200
Der Ermordete hinterlässt außer der Witwe noch 
sechs Kinder im Alter von einem bis zehn Jahren.

237
00:25:22,200 --> 00:25:28,800
Wieder ein Raubmord in Wien
Gemeinde-Zeitung, 03. April 1874

238
00:25:29,520 --> 00:25:35,440
Im dritten Stockwerke des Verbindungshauses 
der Weintraubengasse Nr. 3 und der Zirkusgasse

239
00:25:35,440 --> 00:25:42,960
Nr. 16 hart neben dem Carl-Theater, wohnt der 
Preßhefenerzeuger Moriz Bondy aus Holitsch mit

240
00:25:42,960 --> 00:25:50,800
seiner 26-jährigen Frau Theresia in sehr ärmlichen 
Verhältnissen. Hiezu trat der Kindersegen und

241
00:25:50,800 --> 00:25:57,840
vor zehn Tagen erst wurde Moriz Bondy mit einem 
Zwillingspaare beschenkt: die Zahl seiner Kinder,

242
00:25:57,840 --> 00:26:06,360
welche bis nun drei war, stieg also auf fünf, von 
denen das älteste kaum 5 Jahre alt ist. Am 30.

243
00:26:06,360 --> 00:26:12,600
vorigen Monats erst konnte Theresia Bondy das 
Wochenbett verlassen, und da sie ohne Magd war,

244
00:26:12,600 --> 00:26:19,200
ließ sie die in der Zirkusgasse Nr. 50 wohnende 
Dienstvermittlerin Frau Franziska Faigl ersuchen,

245
00:26:19,200 --> 00:26:25,880
ihr ein Dienstmädchen zu senden. Frau Faigl kam 
diesem Verlangen nach und sandte ihr Dienstag

246
00:26:25,880 --> 00:26:31,840
Morgens eine Dienstmagd, die sich Viktoria 
Heidl nannte, nachdem dieselbe versprochen,

247
00:26:31,840 --> 00:26:35,720
die Zeugnisse, die sie angeblich bei 
ihrer Schwester in Hernals hatte,

248
00:26:35,720 --> 00:26:41,440
am nächsten Tage zu bringen. Mittwoch 
Morgens vor 8 Uhr ging Bondy seinem

249
00:26:41,440 --> 00:26:42,813
Geschäfte nach, während seine Frau, da die 
Israeliten jetzt ihre Osterfeiertage haben,

250
00:26:42,813 --> 00:26:42,907
wie dies die Vorschrift erheischt, die Küchen- 
und Wirtschaftsgeräte, die das Jahr über in

251
00:26:42,907 --> 00:26:43,000
Verwendung gestanden, auf den Boden räumen und 
anderes von der Dienstmagd herabtragen ließ.

252
00:26:43,000 --> 00:26:46,920
Gegen Mittag kam Bondy wieder nach Hause 
und hörte schon auf der Stiege im ersten

253
00:26:46,920 --> 00:26:53,560
Stockwerke seine Kinder im Zimmer fürchterlich 
schreien. Er öffnete die Küche, da er einen

254
00:26:53,560 --> 00:26:59,520
zweiten Schlüssel zur Wohnung hatte, stieß jedoch 
auf einen, wenn auch nur geringen Widerstand.

255
00:27:00,040 --> 00:27:06,600
Der Eingang zur schmalen Küche war nämlich 
durch einen Gegenstand verlegt. Bondy sah nach

256
00:27:06,600 --> 00:27:13,680
der Ursache und entdeckte zu seinem Entsetzen 
sein Weib in einer riesigen Blutlache tot mit

257
00:27:13,680 --> 00:27:19,280
dem Kopfe beim Herde, mit den Füßen gegen 
das Fenster, das in den Hof geht, liegen.

258
00:27:19,280 --> 00:27:24,320
Auf das Wehklagen Bondy's eilten die Hausbewohner 
herbei, und durch diese wurde sofort das

259
00:27:24,320 --> 00:27:29,560
Polizeikommissariat in der Leopoldstadt und 
das Sicherheitsbureau der Polizeidirektion

260
00:27:29,560 --> 00:27:36,040
verständigt. Der Bezirksleiter Prucha, 
Oberkommissär Prosig, Oberinspektor Stehling

261
00:27:36,040 --> 00:27:41,960
und mehrere Kommissäre erschienen alsbald mit 
einer Anzahl Dtektives und Sicherheitswachleuten

262
00:27:41,960 --> 00:27:48,840
am Tatorte. Der Bezirksarzt Dr. Hopfgarten 
konstatierte, dass der Tod der Frau auf

263
00:27:48,840 --> 00:27:55,280
gewaltsame Weise herbeigeführt worden sei, darauf 
deutete eine klaffende Wunde am Kopfe, die von der

264
00:27:55,280 --> 00:28:01,720
rechten Stirnseite, das Ohr entlang, bis an das 
Hinterhaupt reicht; sowie die neben der Leiche

265
00:28:01,720 --> 00:28:09,320
am Boden liegende, mit Blut besudelte schwere 
Holzhacke. Der Tod dürfte sofort eingetreten sein,

266
00:28:09,320 --> 00:28:14,960
da die Schädeldecke zertrümmert ist. Man 
untersucht nun, ob an Effekten etwas geraubt,

267
00:28:14,960 --> 00:28:21,760
und ob ein Raubmord vorliege. Diese Annahme wurde 
jedoch durch den Umstand verneint, dass Bondy, wie

268
00:28:21,760 --> 00:28:27,880
eingangs erwähnt, in sehr ärmlichen Verhältnissen 
lebt, und nur, außer einigen Werteffekten,

269
00:28:27,880 --> 00:28:36,120
einen Versatzzettel auf sieben Gulden im Vermögen 
hat; alles war unberührt zurückgeblieben. Die

270
00:28:36,120 --> 00:28:40,800
Dienstag in den Dienst eingetretene Magd, 
Viktoria Heidl, welche zweifelsohne die

271
00:28:40,800 --> 00:28:47,280
Mörderin ist, ist seit Mittwoch Vormittags unter 
Rücklassung ihrer wenigen Effekten flüchtig.

272
00:28:48,160 --> 00:28:53,360
Um dieselbe Zeit, um welche der Mord vollführt 
wurde, was nach ärztlichen Ausspruche zwischen

273
00:28:53,360 --> 00:28:58,040
10 und 11 Uhr geschehen sein dürfte, 
sah ein Chorist des Carl-Theaters eine

274
00:28:58,040 --> 00:29:03,920
Frauensperson mit offenen Haaren in größter 
Hast aus dem Hause Nr. 16 der Zirkusgasse

275
00:29:03,920 --> 00:29:09,960
dem Ausgange derselben nach der Praterstraße 
zu laufen. Es ist mit Gewissheit anzunehmen,

276
00:29:09,960 --> 00:29:15,773
dass es die Mörderin gewesen sei. Die Erhebungen 
lassen folgende Zusammenstellung zu. Frau Bondy

277
00:29:15,773 --> 00:29:18,919
dürfte mit dem Dienstboten in einen Wortwechsel 
geraten sein. Das Mädchen rieb den Fußboden auf.

278
00:29:18,920 --> 00:29:24,360
Der des ersten Zimmers war schon vollständig 
und der des zweiten nur zur Hälfte gereinigt.

279
00:29:24,880 --> 00:29:29,720
Hier musste der Streit begonnen haben, der von 
beiden, bei einer häuslichen Beschäftigung,

280
00:29:29,720 --> 00:29:36,480
auch in der Küche fortgeführt wurde. In derselben 
musste Viktoria Heidl die schwere Holzhacke,

281
00:29:36,480 --> 00:29:42,280
Eigentum Bondy's, ergriffen und mit derselben 
der Dienstgeberin einen wuchtigen Schlag versetzt

282
00:29:42,280 --> 00:29:49,200
haben. So rasch dürfte die Tat ausgeführt worden 
sein, dass keiner der Nachbarn etwas davon hörte.

283
00:29:49,800 --> 00:29:55,200
Der Direktor des Carl-Theaters Herr Jauner 
verfügte sich, als er von dem Vorfalle hörte,

284
00:29:55,200 --> 00:30:00,560
in die Wohnung der Ermordeten und händigte deren 
Gatten, der mit den neugebornen Zwillingen am Arme

285
00:30:00,560 --> 00:30:06,960
jammernd und weinend im Zimmer auf- und abschritt, 
den Betrag von 30 Gulden ein. Von Seite der

286
00:30:06,960 --> 00:30:12,640
Polizei wurden auch gleich zwei Ammen geholt, 
welche die Kinder unterdessen stillen sollen.

287
00:30:12,640 --> 00:30:18,360
Nachmittags fand sich auch eine landesgerichtliche 
Kommission ein, welche den Tatbestand aufnahm,

288
00:30:18,360 --> 00:30:24,160
worauf die Leiche zur Obduktion in die Totenkammer 
des allgemeinen Krankenhauses geschafft wurde.

289
00:30:24,160 --> 00:30:26,320
Während die gerichtlichen Kommissionen im Hause

290
00:30:26,320 --> 00:30:30,120
weilten, durchstreiften bereits 
Detective die Vorstädte Wiens,

291
00:30:30,120 --> 00:30:35,280
den Prater und die Vororte, um eine Spur 
der flüchtigen Verbrecherin zu ermitteln.

292
00:30:36,000 --> 00:30:42,840
Viktoria Heidl, wenn dies der wirkliche 
Name ist, dürfte 20 bis 24 Jahre alt sein,

293
00:30:42,840 --> 00:30:48,480
sie ist von mittelgroßer, untersetzter 
Statur, kräftig gebaut, hat blonde Haare,

294
00:30:48,480 --> 00:30:56,960
schöne Zähne und ein hübsches, gefälliges Äußeres. 
Der Aussprache nach dürfte sie eine Wienerin sein.

295
00:30:56,960 --> 00:31:03,000
Durch die Aussage des Kindes der Ermordeten, des 
kaum fünfjährigen Josef Bondy, hat sich im LAufe

296
00:31:03,000 --> 00:31:10,480
des Nachmittags die Sachlage entschieden geändert. 
Herr Moriz Bondy hat nämlich zu Protokoll gegeben,

297
00:31:10,480 --> 00:31:15,120
dass aus den Kästen keine Effekten abhanden 
gekommen seien und dass überhaupt alle seine

298
00:31:15,120 --> 00:31:21,440
Habseligkeiten unberührt zurückgelassen 
wurden. Dies berechtigte zu der Annahme,

299
00:31:21,440 --> 00:31:26,960
dass ein Raubmord nicht vorliege. Nach 
hartnäckigem Schweigen erklärte erst spät

300
00:31:26,960 --> 00:31:33,800
Nachmittags der Junge, dass er gesehen habe, wie 
die angebliche Viktoria Heidl aus einem Kasten

301
00:31:33,800 --> 00:31:40,160
Kleidungsstücke und andere Gegenstände entnommen 
und erstere angelegt hatte. Durch diese Aussage

302
00:31:40,160 --> 00:31:45,560
sah man sich veranlasst, genauere Erhebungen 
zu pflegen, die auch tatsächlich feststellen,

303
00:31:45,560 --> 00:31:51,280
dass der Knabe die Wahrheit gesprochen habe. 
Die Hebamme, welche bei der Entbindung bei der

304
00:31:51,280 --> 00:31:56,880
Ermordeten Beistand geleistet hatte und in den 
letzten Tagen oft die Familie Bondy besuchte,

305
00:31:56,880 --> 00:32:02,560
bestätigte die Erklärung des Kindes insoferne, als 
sie verschiedene abhanden gekommene Gegenstände

306
00:32:02,560 --> 00:32:08,880
genau bezeichnen konnte. Wenn nun auch nicht ein 
reiflich überlegter und bestialisch ausgeführter

307
00:32:08,880 --> 00:32:13,920
Raubmord vorderhand angenommen werden kann, 
so lassen doch verschiedene Umstände darauf

308
00:32:13,920 --> 00:32:19,960
schließen, dass die Verbrecherin nur in der 
Absicht in den Dienst getreten, um bei gänstiger

309
00:32:19,960 --> 00:32:26,240
Gelegenheit einen Diebstahl zu begehen. Vieles 
spricht nämlich dafür, dass die Flüchtige zu

310
00:32:26,240 --> 00:32:32,520
jener Sorte von Gaunerinnen gehören müsse, die 
als Dienstboten sich bei Parteien einschleichen,

311
00:32:32,520 --> 00:32:38,480
um kurze Zeit darauf mit einwendeten 
Wertgegenständen zu entfliehen. Hauptsächlich

312
00:32:38,480 --> 00:32:44,960
wird diese Vermutung dadurch bestärkt, dass sie 
ohne irgendwelche Ausweise den Dienst antrag.

313
00:32:44,960 --> 00:32:48,880
Weiters wurde festgestellt, dass 
die früheren Angaben der Mörderin,

314
00:32:48,880 --> 00:32:56,440
dass sie "Viktoria Heidl" heiße und eine Schwester 
in Hernals habe, auf Unwahrheit beruhen. Es wurde

315
00:32:56,440 --> 00:33:03,960
bloß eine Frauensperson namens Viktoria Heingl in 
Hernals ermittelt, die jedoch keine Schwester hat,

316
00:33:03,960 --> 00:33:09,640
die eine Dienstmagd wäre und auch mit dem 
Taufnamen "Viktoria" heißen würde. Erwähnen

317
00:33:09,640 --> 00:33:14,800
wollen wir noch, dass der Knabe Josef Bondy 
der Mörderin drohte, es der Mutter zu sagen,

318
00:33:14,800 --> 00:33:21,240
dass jene die Kleider der letzteren angelegt 
habe. Die Magd beruhigte den Jungen damit,

319
00:33:21,240 --> 00:33:38,680
dass sie ihm versprach vom Markte, auf den 
sie sich begeben, "Zuckerln" mitzubringen.

320
00:33:38,680 --> 00:33:43,520
Ja, das waren sie also, die traurigen 
Verbrechen aus der Vergangenheit. Schon

321
00:33:43,520 --> 00:33:49,320
interessant wie unterschiedlich im Vergleich 
zu heute die Zeitungen damals berichtet haben.

322
00:33:49,320 --> 00:33:55,480
Naja, wenn Sie so eine True Crime-Lesung 
einmal live erleben möchten, am 31.10.,

323
00:33:55,480 --> 00:34:01,800
also an Halloween, haben Sie Gelegenheit dazu, 
da gibt es dann die zum Podcast passende Lesung

324
00:34:01,800 --> 00:34:07,640
"Monarchie-Morde" im Café Korb in Wien 
zu hören. Alle Details auf meiner Website

325
00:34:08,600 --> 00:34:14,040
www.stefanfranke.at und ja, passen 
Sie auf sich auf und ich freue mich,

326
00:34:14,040 --> 00:34:21,920
wenn Sie bei der nächsten 
Folge wieder mitdabei sind.