1
00:00:04,240 --> 00:00:09,120
Ja, schön, dass Sie wieder mit dabei sind 
bei den Monarchie-Morden, dem Podcast,

2
00:00:09,120 --> 00:00:16,400
bei dem es allerdings um recht unschöne Dinge 
wie Mord, Totschlag und andere Verbrechen geht.

3
00:00:16,400 --> 00:00:21,080
Mein Name ist Stefan Franke und ich begleite 
Sie in der nächsten halben Stunde durch diese

4
00:00:21,080 --> 00:00:27,920
Kriminalfälle. Ja, eine kleine Warnung: Dieser 
Podcast behandelt reale Taten und ist daher für

5
00:00:27,920 --> 00:00:36,240
Kinder sowie empfindsame Zuhörerinnen und Zuhörer 
nicht geeignet. Diese Fälle, von denen ich Ihnen

6
00:00:36,240 --> 00:00:41,840
hier berichte, liegen alle schon weit weit in 
der Vergangenheit. Ich lese hier nämlich über

7
00:00:41,840 --> 00:00:49,040
wahre Verbrechen, so wie historische Zeitungen 
über diese berichtet haben. Letztes Mal hat sich

8
00:00:49,040 --> 00:00:55,560
alles ums Gift gedreht; die Tatwaffe, mit der 
sich die heutige Podcast Folge beschäftigt,

9
00:00:55,560 --> 00:01:02,760
ist das Messer. Was bietet die heutige Folge? 
Drei Eifersuchtsdramen, zweimal aus Bayern,

10
00:01:02,760 --> 00:01:09,360
einmal aus Oberösterreich, ein Überfall 
auf einen Berliner Vorortezug, dann noch

11
00:01:09,360 --> 00:01:17,240
eine mysteriöse Serie von Messerstechereien in 
Berlin selbst und eine ermordete Mutter in Wien.

12
00:01:17,920 --> 00:01:25,000
Ja, lauter schreckliche Taten, beginnen wollen wir 
mit einer theoretisch schönen Sache, nämlich dem

13
00:01:25,000 --> 00:01:32,600
Fensterln. Das war oder ist eine süddeutsche und 
westösterreichische Tradition, bei der der junge

14
00:01:32,600 --> 00:01:38,240
Mann heimlich auf einer Leiter zum Fenster 
seiner Angebeteten hochsteigt und die beiden

15
00:01:38,240 --> 00:01:45,400
dann etwas Zeit miteinander verbringen können. 
Soweit die Theorie, dumm nur, wenn zur gleichen

16
00:01:45,400 --> 00:01:55,160
Zeit auch ein Nebenbuhler an Ort und Stelle war. 
"Beim Fensternl." Freiberger Anzeiger und Tageblatt,

17
00:01:55,160 --> 00:02:03,400
12. Juni 1900. Ein Eifersuchtsdrama unter merkwürdigen 
Umständen spielte sich in der Ortschaft Löh bei

18
00:02:03,400 --> 00:02:10,920
Plattling in Bayern ab. Eine Dienstmagd des Ortes 
wurde von zwei jungen Leuten aus Nachbargemeinden,

19
00:02:10,920 --> 00:02:17,720
dem Tagelöhnersohn Otto Schmerbeck von Rettenbach 
und dem Dienstknecht Kainz von Stephansposching

20
00:02:17,720 --> 00:02:25,800
umworben, ohne dass sie einem von den beiden einen 
besonderen Vorzug eingeräumt hätte. Beide Verehrer

21
00:02:25,800 --> 00:02:33,040
glaubten sich daher berechtigt, bei ihrer Schönen 
"fensterln" zu gehen. Infolge eines unglücklichen

22
00:02:33,040 --> 00:02:38,920
Zufalls trafen die Rivalen in derselben Nacht 
bei dem Kammerfenster ihrer Angebeten zusammen,

23
00:02:38,920 --> 00:02:44,360
worauf es zwischen ihnen, da keiner dem anderen 
den Platz räumen wollte, zu einem heftigen

24
00:02:44,360 --> 00:02:51,320
Wortwechsel kam, dem bald ein Kampf mit dem Messer 
folgte. Schmerbeck erhielt von seinem Gegner einen

25
00:02:51,320 --> 00:02:57,240
lebensgefährlichen Stich in die Lunge, während 
Kainz fünf Messersticher davon trug. Beide

26
00:02:57,240 --> 00:03:03,720
wurden schwer verletzt und sanken schließlich 
durch den Blutverlust entkräftet zu Boden. Am

27
00:03:03,720 --> 00:03:21,640
nächsten Morgen mußten sie von Ortsinsassen nach 
dem Krankenhause in Plattling gebracht werden.

28
00:03:21,640 --> 00:03:26,280
Ich habe es vorhin schon erwähnt, auch in 
Österreich war die Tradition des Fensterlns

29
00:03:26,280 --> 00:03:33,240
bekannt und auch hier kommt es plötzlich zum 
Streit mit einem Nebenbuler, der leider auch

30
00:03:33,240 --> 00:03:43,040
in diesem Fall ein Messer mit dabei hatte. "Mit 
dem Messer." Linzer Volksblatt, 16. Januar 1902.

31
00:03:43,720 --> 00:03:50,960
Wenn einer Fensterln geht, so setzt er sich der 
Gefahr aus, an Leib und Seele Schaden zu erleiden.

32
00:03:50,960 --> 00:03:58,560
Das erfuhr gestern Nachts der Aufreitersohn Moser 
in Unterwald, Pfarre Windhaag. Diesen überfiel,

33
00:03:58,560 --> 00:04:04,280
als er Nachts am Fenster stand, rücklings 
ein Nebenbuhler, versetzte ihm mit dem Messer

34
00:04:04,280 --> 00:04:11,280
mehrere Stiche in den Rücken, schnitt ihm den 
Arm beinahe ganz ab und stach ihm ein Auge aus.

35
00:04:11,880 --> 00:04:18,280
Der Übeltäter ist gleichfalls ein Bauersohn 
von Unterwald und heißt Pochlatko. Dr. Pauser

36
00:04:18,280 --> 00:04:24,360
leistete dem schwerverwundeten ärztliche Hilfe 
und Postenleiter Juratsch von Sandl verhaftete

37
00:04:24,360 --> 00:04:30,240
Pochlatko, als dieser eben seinen Militärpass 
bei der Gemeinde Sandl beheben wollte,

38
00:04:30,240 --> 00:04:49,280
um damit flüchtig zu werden. Derselbe wurde gestern 
noch in die Frohnfeste Freistadt abgeführt.

39
00:04:49,280 --> 00:04:55,160
Nach diesen zwei kurzen Berichten aus dem 
Süden begeben wir uns jetzt weiter nördlich.

40
00:04:55,160 --> 00:05:02,760
Ein Mann sticht in der Nähe von Berlin im 
Vorzug Nauen auf drei Frauen ein und flieht dann

41
00:05:02,760 --> 00:05:11,840
unerkannt. Aber man nimmt beherzt die Verfolgung 
auf. "Der Überfall im Vorortezug." Berliner Tageblatt

42
00:05:11,840 --> 00:05:21,000
und Handelszeitung. Abendausgabe, 17. August 1912. 
Ergebnislose Verfolgung des Täters. 2000 Mark

43
00:05:21,000 --> 00:05:29,560
Belohnung ausgesetzt. Bredow, 17. August. Schon in 
der fünften Morgenstunde ist heute der Berliner

44
00:05:29,560 --> 00:05:35,960
Kriminalkommissar Klinghammer im Automobil in 
Bredow eingetroffen, um die nötigen Vernehmungen

45
00:05:35,960 --> 00:05:42,160
vorzunehmen und die Verfolgung des Täters in 
die Wege zu leiten. Er begab sich zunächst nach

46
00:05:42,160 --> 00:05:48,520
Nauen in das städische Krankenhaus, wo die drei 
verletzten Damen Aufnahme gefunden haben. Noch

47
00:05:48,520 --> 00:05:54,160
in der Nacht waren von den Ärzten die nötigen 
Operationen vorgenommen worden. Es zeigte sich,

48
00:05:54,160 --> 00:06:00,800
dass Frau Voß am schwersten verletzt ist. Sie 
dürfte kaum mit dem Leben davon kommen. Vorläufig

49
00:06:00,800 --> 00:06:06,680
ist sie noch besinnungslos. Auch Frau Karstädt 
war noch nicht vernehmungsfähig, dagegen konnte

50
00:06:06,680 --> 00:06:13,560
Fräulein Karstädt einige wichtige Angaben machen. 
Die junge Dame erzählte, dass sie den Täter zuerst

51
00:06:13,560 --> 00:06:18,720
gesehen habe in dem Augenblick, als er durch den 
schmalen Durchgang in ihr Coupé hineingetreten

52
00:06:18,720 --> 00:06:25,920
sei. Er habe kein Wort gesprochen, sondern 
sie nur mit wilden, stieren Blicken angesehen.

53
00:06:25,920 --> 00:06:32,320
Plötzlich sei er auf sie, Fräulein Karstädt, 
losgegangen und habe ihr mehrere Stiche versetzt.

54
00:06:32,320 --> 00:06:36,600
Die beiden anderen Damen seien vor Entsetzen 
sprachlos gewesen und hätten nur mit den Füßen

55
00:06:36,600 --> 00:06:44,360
nach dem Täter getreten. Sie selbst habe laut 
gerufen: "Notbremse ziehen." Aber die beiden Damen

56
00:06:44,360 --> 00:06:51,200
seien nicht mehr dazu gekommen. Schließlich sei es 
ihr selbst gelungen, die Notbremse in Tätigkeit zu

57
00:06:51,200 --> 00:06:57,480
setzen. Als der Zug bereits ganz langsam fuhr, 
habe der Täter die Tür aufgerissen, um aus dem

58
00:06:57,480 --> 00:07:04,160
Zuge herauszuspringen. In diesem Augenblick sei 
gerade der D-Zug Berlin–Hamburg vorbeigesaust

59
00:07:04,160 --> 00:07:10,440
und der Messerstecher habe sich, um nicht überfahren 
zu werden, auf dem Trittbrett zusammengekauert.

60
00:07:10,440 --> 00:07:17,800
Als der Zug vorüber war, sprang er ab und lief 
davon. In dem Nauener Vorortezug war zufällig der

61
00:07:17,800 --> 00:07:24,000
Eisenbahnbetriebskontrolleur Kuball anwesend. Er 
sprang, nachdem der Zug zum Stehen gebracht war,

62
00:07:24,000 --> 00:07:29,840
aus seinem Coupé heraus, um nach der Ursache zu 
forschen. Ehe an eine Verfolgung gedacht werden

63
00:07:29,840 --> 00:07:37,120
konnte, hatte der Täter bereits an Vorsprung 
von etwa 100 Metern. Es folgte nun eine wilde Jagd,

64
00:07:37,120 --> 00:07:42,920
an der sich etwa sieben bis acht Mann beteiligten. 
Der Messerstecher schlug zunächst die Richtung

65
00:07:42,920 --> 00:07:49,360
nach dem zu dem Gut Pervenitz gehörigen Vorwerk 
Glien ein. Seine Verfolger riefen fortgesetzt:

66
00:07:49,360 --> 00:07:55,520
"Haltet ihn!" hinter ihm her. So wurden mehrere 
Arbeiter, die auf dem Feld beschäftigt waren,

67
00:07:55,520 --> 00:08:01,160
auf ihn aufmerksam und besetzten die Brücke, 
die in der Nähe des Vorwerks liegt und über

68
00:08:01,160 --> 00:08:06,920
den Großen Graben führt. Inzwischen waren die 
Verfolger an den Flüchtigen bereits auf etwa 50

69
00:08:06,920 --> 00:08:13,840
Schritte herangekommen, während von vorn die 
Arbeiter des Vorwerks Glien ihm entgegentraten.

70
00:08:13,840 --> 00:08:20,040
Diesen hielt der Täter aber einen Revolver 
entgegen und schrie laut: "Kommt ihr heran,

71
00:08:20,040 --> 00:08:26,240
so schieße ich!" Da die Leute unbewaffnet waren, 
lief einer nach dem Vorwerk zurück, um ein

72
00:08:26,240 --> 00:08:32,160
Militärgewehr zu holen. Die übrigen Arbeiter 
ließen sich durch den Revolver einschüchtern,

73
00:08:32,160 --> 00:08:37,600
da sie durch die kürzlich erfolgte Verbrecherjagd 
im Bredower Forst, bei dem der Beamte Klein

74
00:08:37,600 --> 00:08:44,960
erschossen wurde, ängstlich geworden waren. Auf 
diese Weise gelang es dem Flüchtigen etwa 200 Meter

75
00:08:44,960 --> 00:08:51,320
an dem Graben entlangzulaufen. Dann durchwartete 
er diesen und kam in eine kleine Schonung, die

76
00:08:51,320 --> 00:08:58,080
sich am jenseitigen Ufer befindet und zur Nauener 
Forst gehört. Hierauf lief der Messerstecher nach

77
00:08:58,080 --> 00:09:05,960
dem Forsthaus Nauen, wo an die Veranda gelehnt das 
Fahrrad eines Forstarbeiters stand. Auf diesem ist

78
00:09:05,960 --> 00:09:12,280
er dann entkommen. Wenige Minuten später traf 
von dem Amt Bredow die telefonische Mitteilung

79
00:09:12,280 --> 00:09:17,480
von der Flucht des Verbrechers im Forsthaus 
Nauen ein. Auch sonst war die polizeiliche

80
00:09:17,480 --> 00:09:23,040
Aktion bei der Verfolgung des Täters von 
unglücklichen Zufällen begleitet. Das Amt

81
00:09:23,040 --> 00:09:29,160
Bredow hatte die Nauener Polizei benachrichtigt, dass 
der Verfolgte in die Nauener Forst hineingedrängt

82
00:09:29,160 --> 00:09:35,200
worden sei und hatte Anweisung gegeben, dem 
Verfolgten in der Forst entgegenzugehen.

83
00:09:35,200 --> 00:09:40,560
Durch ein Missverständnis begaben sich die 
Gendarmer aber an den Tatort nach Finkenkrug,

84
00:09:40,560 --> 00:09:46,400
wo sie natürlich nichts mehr ausrichten konnten. 
Die polizeilichen Nachforschungen nach dem Täter

85
00:09:46,400 --> 00:09:53,480
werden außer von der Berliner Kriminalpolizei auch 
von dem Landratsverweser Regierungsassessor Hue de Grais

86
00:09:53,480 --> 00:09:59,320
in Nauen geleitet. Im übrigen ist die ganze 
Gendarmarie aller umliegenden Ortschaften

87
00:09:59,320 --> 00:10:05,760
unterwegs, um den Täter zu ermitteln. Alle 
Straßen und Zugänge sind von Gendarmern besetzt

88
00:10:05,760 --> 00:10:12,720
und jeder Passant wird genau untersucht. Auch alle 
Automobile und sonstigen Wagen werden angehalten.

89
00:10:12,720 --> 00:10:18,400
Man hält es für ausgeschlossen, dass der Täter 
durch dieses dichte Netz von Polizeibeamten

90
00:10:18,400 --> 00:10:24,120
entkommen kann. Der Regierungspräsident hat auf 
die Ergreifung des Flüchtigen heute Vormittag

91
00:10:24,120 --> 00:10:30,560
eine Belohnung von 1000 Mark ausgesetzt. Wie wir 
schon im Morgenblatt mitgeteilt haben, hat auch

92
00:10:30,560 --> 00:10:38,200
die Eisenbahndirektion Berlin noch gestern Abend 
eine Belohnung von 1000 Mark ausgeschrieben. Durch

93
00:10:38,200 --> 00:10:43,680
die polizeilichen Vernehmungen ist es gelungen, 
eine ziemlich genaue Beschreibung des Täters zu

94
00:10:43,680 --> 00:10:50,240
erhalten. Es ist ein kleiner, schwächlicher 
Mensch von ziemlich schlanker Figur. Er trägt

95
00:10:50,240 --> 00:10:56,480
langes schwarzes Haar und hat einen Anflug von 
schwarzem Schnurrbart. Die Kleidung besteht aus

96
00:10:56,480 --> 00:11:03,120
einem dunkelblauen Jackettanzug. Als Kopfbedeckung 
trägt er einen schwarzen, steifen Filzhut.

97
00:11:03,720 --> 00:11:09,520
Der Verbrecher hatte den Hut, wie mitgeteilt bei 
der Flucht aus dem Eisenbahnwagen verloren. Er hat

98
00:11:09,520 --> 00:11:15,960
ihn aber, wie jetzt feststeht, wieder aufgehoben 
und auf der Flucht mitgenommen. Von anderer

99
00:11:15,960 --> 00:11:22,000
Seite wird uns noch mitgeteilt, eine Spur des 
Unholdes, die gestern Abend noch gefunden wurde,

100
00:11:22,000 --> 00:11:27,760
geht in Börnicke verloren. In der Nähe des 
Forsthauses der Stadt Nauen wurde von

101
00:11:27,760 --> 00:11:32,760
einem Waldarbeiter ein Mann gesehen, auf den 
die Beschreibung des Täters passt, der aber

102
00:11:32,760 --> 00:11:39,120
keine Kopfbedeckung trug. Kurze Zeit darauf 
wurde in der Stadtförsterei Nauen festgestellt,

103
00:11:39,120 --> 00:11:45,080
dass dort ein Fahrrad gestohlen worden war. Allem 
Anschein nach ist der Dieb der Messerstecher,

104
00:11:45,080 --> 00:11:51,560
der mit dem Rade die Nauener Chaussee entlang über 
Paaren und Grünefeld nach Börnicke gefahren ist.

105
00:11:52,120 --> 00:11:57,400
In Börnicke glaubt man, ihn gesehen zu haben. 
Weitere Nachrichten über diesen Radfahrer sind

106
00:11:57,400 --> 00:12:03,840
aber nicht eingetroffen. Da möglich ist, dass 
der Verfolgte die Hamburger Bahn benutzen wird,

107
00:12:03,840 --> 00:12:09,120
würden durch die Berliner Kriminalpolizei alle 
in Frage kommenden Stationen, wie Neustadt an der

108
00:12:09,120 --> 00:12:16,400
Dosse und Königswusterhausen, durch Staatsdepechen 
benachrichtigt. Alle Stationen der Berlin–Nauener,

109
00:12:16,400 --> 00:12:22,720
der Nauen–Veltener und der Berlin–Kremmener Bahn 
waren schon vorher auf den Mann mit den durchnässten

110
00:12:22,720 --> 00:12:28,960
Kleidern aufmerksam gemacht worden. Nirgendwo 
hat man aber dort von dem näher beschriebenen

111
00:12:28,960 --> 00:12:35,960
Täter etwas gesehen. In Nauen, Finkenkrug und 
Seefeld war gestern Abend das Gerücht verbreitet,

112
00:12:35,960 --> 00:12:42,440
dass der Täter in der Försterei des Herrn von 
Bredow verhaftet worden sei. Eine große, erregte

113
00:12:42,440 --> 00:12:48,320
Menschenmenge belagerte daraufhin bis in die 
Nacht hinein den Nauener Bahnhof, in der Meinung,

114
00:12:48,320 --> 00:12:54,600
dass der Messerstecher dorthin transportiert 
und dem Polizeiamt zugeführt würde. Später

115
00:12:54,600 --> 00:13:00,400
lief dann die Meldung ein, dass die Nachricht 
auf einem Irrtum beruhe. Aber nur langsam

116
00:13:00,400 --> 00:13:06,440
zerstreuten sich die Menschen. In Spandau 
war heute Vormittag das Gerücht verbreitet,

117
00:13:06,440 --> 00:13:11,960
der Täter sei identisch mit dem Messerstecher, der 
kürzlich auf der Chaussee nach Velten ein Mädchen

118
00:13:11,960 --> 00:13:18,440
überfiel und durch Messerstiche schwer verletzte. 
Auch diese Nachricht entbehrt der Begründung,

119
00:13:18,440 --> 00:13:29,840
da sich der Veltener Messerstecher in 
der Irrenanstalt in Neuruppin befindet.

120
00:13:36,800 --> 00:13:42,600
Wir hatten heute schon zwei Texte, in denen 
Eifersucht der Auslöser einer Bluttat war.

121
00:13:42,600 --> 00:13:49,800
Im folgenden Text gibt's eine Dreiecksbeziehung, 
mit der alle drei Beteiligten einverstanden sind,

122
00:13:49,800 --> 00:13:56,280
aber offenbar ist das auf Dauer dann doch nicht 
so gut gegangen. Am Ende kann man tatsächlich

123
00:13:56,280 --> 00:14:05,560
nicht mehr von einer Dreiecksbeziehung sprechen, 
denn eine Person ist tot. "Ein Inbrucker in München

124
00:14:05,560 --> 00:14:17,200
erstochen." Allgemeiner Tiroler Anzeiger, 11. Juli 
1911. Aus München, 9. Juli, wird berichtet: Der 1883

125
00:14:17,200 --> 00:14:24,120
in Innsbruck geborene Schreiner und Musiker 
Paul Schrettner wohnte seit 1. April 1911 bei

126
00:14:24,120 --> 00:14:31,240
dem Schreiber und Musiker Utz in der Hofmannstraße. 
Seitdem entspann sich zwischen Schrettner und der

127
00:14:31,240 --> 00:14:39,120
Ehefrau Utz ein Liebesverhältnis. Utz duldete 
dieses und verkehrte trotzdem freundschaftlich

128
00:14:39,120 --> 00:14:45,680
mit Schrettner. Gestern Abends waren Schrettner 
und die Eheleute Utz in einer Wirtschaft an der

129
00:14:45,680 --> 00:14:52,760
Hofmannstraße und vergnügten sich mit Zitherspiel. 
Spät nachts heimkehrend unterhielten sie sich noch in

130
00:14:52,760 --> 00:14:59,760
der gemeinsamen Wohnung. Während Utz sich zu Bett 
legte, wollte die Frau angeblich nach den Kindern

131
00:14:59,760 --> 00:15:08,120
sehen, begab sich aber stattdessen in Schrettners 
Zimmer. Utz sah nach, fand das Zimmer Schrettners

132
00:15:08,120 --> 00:15:15,160
verschlossen und als seine Ehefrau aus dem Zimmer 
kam, schlug er auf sie ein. Schrettner kam der

133
00:15:15,160 --> 00:15:21,120
Bedrohten zu Hilfe. Zwischen beiden Männern kam 
es zu einer Rauferei, wobei sie sich gegenseitig

134
00:15:21,120 --> 00:15:27,960
verletzten. Utz zog im dunklen Gang sein Messer 
und versetzte Schrettner einen Stich in die linke

135
00:15:27,960 --> 00:15:42,440
Stirnseite, so dass der Gestochene bald verstarb. 
Utz, der verhaftet wurde, beruft sich auf Notwehr.

136
00:15:48,840 --> 00:15:55,320
Eine mysteriöse Serie von Messerattentaten, bei 
der die Polizei zum Zeitpunkt des Erscheinens des

137
00:15:55,320 --> 00:16:04,400
folgenden Berichts überhaupt keinen Anhaltspunkt 
hat, hält Berlin im Jahr 1909 in Atem. Es wird

138
00:16:04,400 --> 00:16:11,360
immer wieder von einem 25 bis 30 Jahre alten Mann 
berichtet, aber man ist sich nicht einmal sicher,

139
00:16:11,360 --> 00:16:18,920
ob es sich bei diesem Täter nur um einen Mann 
oder nicht sogar um mehrere Männer handelt.

140
00:16:18,920 --> 00:16:27,520
Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 17. Februar 1909. 
Der oder die Messerstecher sind in Berlin und in

141
00:16:27,520 --> 00:16:34,160
den Vororten weiter bei der Arbeit. Von gestern 
Mittag bis heute Mittag sind uns sieben neue

142
00:16:34,160 --> 00:16:39,560
Attentate bekannt geworden, die glücklicherweise 
alle ohne ernstere Verletzungen der Überfallenen

143
00:16:39,560 --> 00:16:47,600
verlaufen sind. Aber der Täter wurde in keinem 
Falle ermittelt. In Rixdorf wurde gestern Nachmittag

144
00:16:47,600 --> 00:16:54,960
eine Frau Loobs, die in der Thüringerstraße 22 
wohnt (das Adressbuch nennt sie nicht), gegen 4 Uhr

145
00:16:54,960 --> 00:17:02,320
in der Kirchstraße überfallen. Ein Mann, den sie 
etwa 25 Jahre alt schätzte, packte sie am Halse

146
00:17:02,320 --> 00:17:08,200
und stach dann mit einem Messer gegen den rechten 
Oberschenkel. Zum Glück trug Frau Loobs eine

147
00:17:08,200 --> 00:17:15,160
lederne Tasche in der Hand. Diese traf der Stich 
so, dass die Überfallenen nicht verletzt wurde. Der

148
00:17:15,160 --> 00:17:21,240
Unhold trug außer einem dunklen Überzieher und 
schwarzem, steifen Hut Zeugschuhe aus braunem

149
00:17:21,240 --> 00:17:28,600
Segeltuch. Das stimmt überein mit der Wahrnehmung 
der Frau Meißner zu Lichtenberg. Diese konnte aber

150
00:17:28,600 --> 00:17:36,280
nicht sagen, ob es Leder- oder Zeugschuhe waren. 
Sie weiß aber, dass der Täter farbige Schuhe trug.

151
00:17:37,120 --> 00:17:43,040
Den Anfall auf Frau Loobs hat ein Schüler Alfons 
Janek mit angesehen. Der Täter würgte die Frau

152
00:17:43,040 --> 00:17:49,880
mit den Worten: "Du Aas, dir werd ick det Maul 
zuhalten, dass du nicht schreien kannst." In diesem

153
00:17:49,880 --> 00:17:56,800
Augenblick sah er den Jungen und lief davon. 
Der Junge hatte nichts getan, den Übeltäter zu

154
00:17:56,800 --> 00:18:04,040
verscheuchen oder seine Verfolgung zu veranlassen. 
Die Frau konnte vor Schreck nicht rufen. Sie ist

155
00:18:04,040 --> 00:18:09,600
stark mitgenommen, obwohl sie ohne körperlicher 
Verletzung davon kam. Sie hat nur Kratzwunden

156
00:18:09,600 --> 00:18:18,160
am Halse. Abends gegen 6¾ wurde vor dem 
Hause Lausitzerstraße die in demselben Hause im

157
00:18:18,160 --> 00:18:25,160
Erdgeschoss des linken Seitenflügels wohnhafte 
47 Jahre alte Schlossersfrau Elisabeth Meye,

158
00:18:25,160 --> 00:18:32,400
geborene Riege, von einem etwa 25 Jahre alten 
Manne überfallen, der ihr mit einem scharfen,

159
00:18:32,400 --> 00:18:38,840
spitzen Instrument einen Stoß gegen die rechte 
Seite des Unterleibes versetzte. Die Waffe drang

160
00:18:38,840 --> 00:18:45,920
durch die Kleider, prallte aber an einer Korsettstange 
ab, so dass Frau Meye keine Verletzung erlitt.

161
00:18:46,640 --> 00:18:55,720
Als die 34 Jahre alte Frau Helene Womitza, geborene 
Krebs, Gleimstraße 12, gegen 7¾ auf dem Wege zu

162
00:18:55,720 --> 00:19:00,800
einem Schlächter in der Gaudystraße befand, 
wurde sie an der Ecke der Schönauer Allee und

163
00:19:00,800 --> 00:19:09,440
Gaudystraße von einem etwa 25 bis 30 Jahre alten 
Manne angerempelt, der ihr anscheinend mit einem

164
00:19:09,440 --> 00:19:15,480
scharfen Schlagring einen Stoß gegen den Unterleib 
versetzte, wodurch zwar die Kleide durchlöchert,

165
00:19:16,000 --> 00:19:21,920
Frau Womitzka aber nicht verletzt wurde. 
Frau Womitzka konnte vor Schreck keinen Laut

166
00:19:21,920 --> 00:19:27,360
hervorbringen und begab sich sofort nach ihrer 
Wohnung, während der Täter in der Richtung nach

167
00:19:27,360 --> 00:19:36,520
Pankow entflohen ist. An der Ecke der Großbeeren- und 
Königgrätzerstraße wurde um 9¾ die 26 Jahre alte

168
00:19:36,520 --> 00:19:44,080
Tochter Ella des Kaufmanns Grätzer von einem etwa 
25-jährigen Manne mit schwarzem Hut und dunklem

169
00:19:44,080 --> 00:19:51,240
Paletot belästigt, der dicht an sie herantrat und 
sich vor ihr hinstellte. Fräulein Grätzer stieß

170
00:19:51,240 --> 00:19:57,440
einen Schrei aus, worauf der Mann flüchtete 
und im Hause Kleinbeerenstraße 2 verschwand.

171
00:19:58,040 --> 00:20:04,280
Eine Absuchung des Hauses, das einen Ausgang 
nach der Halleschen Straße hat, war erfolglos.

172
00:20:05,160 --> 00:20:10,840
In Lichtenrade wurde um 7 Uhr Abends das 16 
Jahre alte Dienstmädchen, das bei dem Gastwirt

173
00:20:10,840 --> 00:20:16,840
Ebel, Dorfstraße 10, in Stellung ist, bei einem 
Geschäftsgange einige Schritte von dem Restaurant

174
00:20:16,840 --> 00:20:21,920
von einem Manne überfallen und am rechten 
Oberschenkel und Unterleib so schwer mit einem

175
00:20:21,920 --> 00:20:27,960
Messer gestochen, dass sie ärztlich behandelt 
werden muss. Der Täter entfloh in der Richtung

176
00:20:27,960 --> 00:20:34,880
nach Großbeeren zu. Er hatte ein schmales Gesicht, 
eingefallene Wangen, schwarzen Schnurrbart und

177
00:20:34,880 --> 00:20:41,720
trug einen schwarzen, steifen Hut. Ehe das Mädchen 
den Gang antrat, hatte es beim Ankleiden im

178
00:20:41,720 --> 00:20:47,520
Scherz gesagt, es wolle sich ein paar Röcke mehr 
anziehen, damit es nicht so pieke, wenn sie auch

179
00:20:47,520 --> 00:20:53,640
gestochen werden sollte. Ein Mann, den man unter 
dem Verdacht, der Täter gewesen zu sein, auf dem

180
00:20:53,640 --> 00:21:00,960
Bahnhof festnahm, konnte sein Alibi nachweisen. 
Auch heute setzt der Messerstecher sein

181
00:21:00,960 --> 00:21:08,840
unheimliches Werk fort. In Lichtenberg verließ um 
7¾ Morgens die 20 Jahre alte Schneiderin Lucie

182
00:21:08,840 --> 00:21:15,760
Kaschke ihre Wohnung in der Niederbarnimerstraße 
25, um sich an ihre Arbeitsstelle zu begeben.

183
00:21:15,760 --> 00:21:21,600
Auf dem zweiten Treppenabsatz begegnete ihr 
ein unbekannter Mann, der ihr, als sie Seite

184
00:21:21,600 --> 00:21:28,080
an Seite waren, einen Messerstich in den rechten 
Oberschenkel versetzte. Das Messer durchdrang die

185
00:21:28,080 --> 00:21:34,640
Kleidungsstücke, verletzte aber den Schenkel nur 
leicht. Trotzdem brach die Angefallene vor Schreck

186
00:21:34,640 --> 00:21:42,880
bewusstlos zusammen. Sie hörte nur noch, wie 
der Täter im Davongehen sagte: "Na, die hat genug."

187
00:21:43,560 --> 00:21:47,920
Sie wurde von Hausgenossen auf der Treppe 
liegend aufgefunden, erwachte bald wieder

188
00:21:47,920 --> 00:21:54,040
aus ihrer Ohnmacht und wurde nach ihrer 
Wohnung zurückgebracht. Der Fall hatte eine

189
00:21:54,040 --> 00:22:00,360
Verhaftung zufolge. Polizeirat Boesel ließ in einer 
Schankwirtschaft im Hause gegenüber einen Menschen

190
00:22:00,360 --> 00:22:07,800
festnehmen, der als Raufbold bekannt ist. Man 
fand bei ihm mehrere, mit Blut befleckte Briefe

191
00:22:07,800 --> 00:22:15,560
und eine Feile. Mit dieser kann aber die Tat kaum 
ausgeführt worden sein. Die Art der Beschädigung

192
00:22:15,560 --> 00:22:22,920
an den Kleidern und der Verletzung scheint dagegen 
zu sprechen. Wie groß die Aufregung des Publikums

193
00:22:22,920 --> 00:22:30,560
über diesen schamlos krassen Unfug ist, ergab 
gestern ein Vorfall in Rixdorf. Dort hatte die

194
00:22:30,560 --> 00:22:35,960
Polizei einen wegen Diebstahls steckbrieflich 
verfolgten Handelsmann Petzold ermittelt und

195
00:22:35,960 --> 00:22:42,920
verhaftet. Als er zum Polizeipräsidium geführt 
wurde, riss er sich auf dem Boddinplatz los und

196
00:22:42,920 --> 00:22:49,840
lief davon. Dem ihm nacheilenden Polizeibeamten 
schlossen sich zahlreiche Leute an. Sie meinten,

197
00:22:49,840 --> 00:22:55,080
man habe den Messerstecher erwischt. Als 
der Flüchtling wieder eingefangen wurde,

198
00:22:55,080 --> 00:23:01,080
wollte man Lynchjustiz an ihm ausüben. Das 
Publikum stürzte sich über ihn her und nur mit

199
00:23:01,080 --> 00:23:05,880
größter Mühe vermochten die Kriminalbeamten, 
den verkannten "Messerstecher" vor der Wut zu

200
00:23:05,880 --> 00:23:12,600
schützen. Unter Drohungen und Verwünschungen 
wurde Petzold nach dem Präsidium gebracht.

201
00:23:12,600 --> 00:23:19,080
Bald hatte sich in der ganzen Stadt das Gerücht 
von der Festnahme des Messerstechers verbreitet.

202
00:23:19,840 --> 00:23:25,480
Das Opfer der ersten Attentate des Messerstechers, 
die Droschkenkutscherfrau Marie Schäfer, die in

203
00:23:25,480 --> 00:23:30,760
der Nacht zum vergangenen Mittwoch im Krankenhaus 
am Friedrichshein, wenige Stunden nachdem sie den

204
00:23:30,760 --> 00:23:36,680
tödlichen Stich am Hochbahnhof Stralauer Tor 
erhalten hatte, gestorben ist, wurde gestern auf

205
00:23:36,680 --> 00:23:43,960
dem Emmauskirchhof an der Hermannstraße zu Rixdorf 
beerdigt. Außer dem Ehemann geleiteten zahlreiche

206
00:23:43,960 --> 00:23:50,880
Verwandte und Freunde, die so furchtbar ihrer 
Familie, ihren drei Kindern entrissene, 28 Jahre

207
00:23:50,880 --> 00:23:59,600
alte Frau. Prediger Lange von der Emmausgemeinde 
sagte in der Grabrede: "Möge Gott den Täter zur

208
00:23:59,600 --> 00:24:07,200
Einkehr lenken, dass Licht in seine Finsternis 
komme und seinem Treiben Einhalt werde. Das

209
00:24:07,200 --> 00:24:15,360
Richten gebühre einem anderen. In Tempelhof 
in der Eylauerstraße 9 wurde heute Vormittag

210
00:24:15,360 --> 00:24:22,360
um 3 Uhr die Frau des Wagenmeisters Lehmann 
angefallen. Der entkommene Täter versetzte

211
00:24:22,360 --> 00:24:28,040
ihr auf der Treppe einen Messerstich durch 
die Pelzboa, eine Handtasche, Jacke und Rock

212
00:24:28,040 --> 00:24:34,880
und Unterkleidung in den rechten Oberschenkel. 
Eine nenneswerte Verletzung entstand nicht.

213
00:24:35,560 --> 00:24:41,480
Die Beschreibung des Täters stimmt wieder mit den 
früheren überein, nur dass er den schwarzen, steifen

214
00:24:41,480 --> 00:24:48,360
Hut etwas ins Gesicht gezogen hatte. Wegen dieses 
Angriffs wurden in Schöneberg zwei italienische

215
00:24:48,360 --> 00:24:55,440
Arbeiter verhaftet. Sie sollen vom Tatorte nach 
Schöneberg geflohen sein. Ob sie schuldig sind,

216
00:24:55,440 --> 00:25:03,400
steht noch dahin. Um 10½ erhielt ein 24 
Jahre altes Dienstmädchen, Emma Bogramm, das in

217
00:25:03,400 --> 00:25:10,280
der Kaiserallee 205 in Wilmersdorf in Stellung 
ist, von einem jungen Manne einen Messerstich,

218
00:25:10,280 --> 00:25:17,400
als es das Haus Hohenzollerndamm 4 betrat, um einen 
Auftrag auszuführen. Die Verletzte, die nur eine

219
00:25:17,400 --> 00:25:25,120
leichte Risswunde am linken Arm erlitt, ließ den 
Täter entkommen, ohne um Hilfe zu rufen. Er lief

220
00:25:25,120 --> 00:25:31,560
nach der Uhlandstraße zu davon. Die Beschreibung 
ist auch in diesem Falle wieder dieselbe wie

221
00:25:31,560 --> 00:25:39,960
in fast allen anderen. In der Gubenerstraße 29 
sah die Maurer Frau Sophie Krystokowiak, als sie

222
00:25:39,960 --> 00:25:45,360
heute Mittag aus ihrer im vierten Stock gelegenen 
Wohnung die Treppe hinunterging, auf dem zweiten

223
00:25:45,360 --> 00:25:51,480
Absatz einen Mann stehen, auf den die Beschreibung 
des Messerstechers passt. Sie glaubte,

224
00:25:51,480 --> 00:25:58,200
dass er einen spitzen Gegenstand in der Hand habe 
und schrie um Hilfe. Der Mann lief nun eiligst

225
00:25:58,200 --> 00:26:06,640
davon. Ob er Böses im Schilde geführt hat, weiß 
niemand. Die Flucht war aber jedenfalls geraten,

226
00:26:06,640 --> 00:26:12,040
sonst hätte es dem vielleicht harmlosen Menschen 
ebenso ergehen können wie gestern Abend in der

227
00:26:12,040 --> 00:26:18,440
Frankfurter Allee einen betrunkenen Stromer, der 
mit dem Messer fuchtelte und vor sich her brummte

228
00:26:18,440 --> 00:26:24,600
"Ist mir alles ejal." Als dieser Verdächtige 
bei seiner Festnahme durch das Publikum auch

229
00:26:24,600 --> 00:26:44,600
noch Widerstand leistete, schlug die Menge in 
Windelweich und übergab ihn dann der Polizei.

230
00:26:44,600 --> 00:26:52,320
Der letzte Text für heute kommt aus Wien. Wir 
sind da im 9. Bezirk, in der Sobieskigasse und

231
00:26:52,320 --> 00:26:58,880
Josepha Geschirreiter wohnt da gemeinsam mit ihrem 
Mann, ihrer Mutter und dem kleinen Kind ihrer

232
00:26:58,880 --> 00:27:05,880
Schwester in einer Wohnung. Es kommt immer wieder 
zu Streitigkeiten zwischen Tochter und Mutter. Das

233
00:27:05,880 --> 00:27:16,240
kommt in den besten Familien vor. Aber in diesem 
Fall endet das Ganze mit einem Mord. "Muttermord."

234
00:27:16,240 --> 00:27:26,160
Die Presse, 16. November 1867. Der neunte Bezirk 
Wiens ist gestern durch folgendes blutige Ereignis

235
00:27:26,160 --> 00:27:33,480
in Aufregung versetzt worden. In der Sobieskigasse 
Nr. 25, im sogenannten Mariahilferhause,

236
00:27:33,480 --> 00:27:39,240
welches im Bezirk Alsergrund gelegen, die Ecke in die 
Pulverturmgasse bildet, wohnte im ersten

237
00:27:39,240 --> 00:27:44,280
Stockwerk der in der kaiserlich königlichen 
Staatsdruckerei angestellte Steindrucker

238
00:27:44,280 --> 00:27:51,400
Geschirreiter mit seiner Gartin Josepha, der 
Mutter Barbara Job, einer Greisin von 72 Jahren,

239
00:27:51,400 --> 00:27:57,320
und einem kaum vierjährigen Knaben Alois, 
dem Sprössling der in Graz bediensteten,

240
00:27:57,320 --> 00:28:04,320
unverheirateten Katharina Job. Wie die Hausleute 
versichern, war die Gattin Geschirreiters ganz

241
00:28:04,320 --> 00:28:12,360
das Gegenteil ihres Mannes. Dieser, als sorgsamer 
Hausvater geachtet, war schon längst tief gebeugt

242
00:28:12,360 --> 00:28:18,880
über die Ausschweifungen seines Weibes, dass er 
erst vor zwei Jahren geheiratet. In ihrem Hange

243
00:28:18,880 --> 00:28:24,360
zur Trunkenheit vergeudete sie nicht nur den 
mühsam erworbenen Lohn ihres Mannes, sondern

244
00:28:24,360 --> 00:28:29,080
verpfändete auch mit der Zeit die reichlich 
vorhanden gewesene Wäsche und schließlich

245
00:28:29,080 --> 00:28:37,040
die Versatzzettel. Ihre alte, kranke Mutter, die an 
einem unheilbaren Brustübel litt und erst vor 14

246
00:28:37,040 --> 00:28:42,720
Tagen aus dem allgemeinen Krankenhause heimkam, 
hasste sie der Ausgabe wegen, welche die Pflege

247
00:28:42,720 --> 00:28:49,120
der Greisin verursachte. Nicht minder gehässig 
zeigte sie sich gegen das Kind ihrer Schwester,

248
00:28:49,120 --> 00:28:55,720
obgleich diese als brave Mutter für ihren Sohn 
monatlich pünktlich fünf Gulden einsendete und

249
00:28:55,720 --> 00:29:02,160
auch ihre Mutter aus der Ferne unterstützte. 
Nach vorangegangenen öfteren Streitigkeiten

250
00:29:02,160 --> 00:29:10,440
mit der Mutter, schien Josepha den Entschluß gefasst zu 
haben, jene zu morden. Vorgestern Mittags dürfte

251
00:29:10,440 --> 00:29:17,440
das entsetzliche Vorhaben zur Ausführung gekommen 
sein. Um diese Zeit wurden die Frauen des

252
00:29:17,440 --> 00:29:24,000
Mariahilferhauses alarmiert, denn Josepha selbst war es, 
die, wahrscheinlich um den Verdacht des Mordes von

253
00:29:24,000 --> 00:29:30,480
sich zu wälzen, die Nachbarschaft zu Hilfe rief, 
welche die greise Job in einem Zustand fand,

254
00:29:30,480 --> 00:29:36,520
der auf eine Vergiftung schließen ließ. Um 
drei Uhr Nachmittags holten die ratlosen Frauen

255
00:29:36,520 --> 00:29:43,160
einen Arzt herbei, den Chirurgen Nanke. Der Arzt 
verordnete rasch die erforderlichen Gegenmittel

256
00:29:43,160 --> 00:29:49,800
einer Vergiftung und die Kranke erholte sich 
schnell. Der Arzt verließ den Schauplatz des

257
00:29:49,800 --> 00:29:56,520
geheimen Verbrechens und versprach im Laufe des 
Tages wiederzukommen. Wir müssen noch bemerken,

258
00:29:56,520 --> 00:30:02,160
dass das Zimmer während dieser Zeit mit 
einem starken Terpentingeruch erfüllt war.

259
00:30:03,360 --> 00:30:10,520
Um vier Uhr Nachmittags erschreckte die Bewohner des 
Hauses neuerdings einen Lärmen im ersten Stock.

260
00:30:10,520 --> 00:30:17,480
Zwei Weiber, die 72-jährige Gärtnerswitwe Anna 
Job und deren Tochter, die Steindruckersgattin

261
00:30:17,480 --> 00:30:23,080
Jospha Geschirreiter wälzten sich auf dem 
Fußboden, zerrten sich gegenseitig an den

262
00:30:23,080 --> 00:30:30,360
aufgelösten Haaren und hieben mit Faustschlägen 
aufeinander ein. In einzelnen Pausen ließen sich

263
00:30:30,360 --> 00:30:38,480
von rasender Wut zeugende heulende Kehllaute hören. 
Dies Ringen und Zerren dauerte jedoch nicht lange.

264
00:30:38,480 --> 00:30:44,480
Plötzlich raffte sich die kräftigere Tochter mit 
Macht auf, stieß die Hände der Alten von sich,

265
00:30:44,480 --> 00:30:50,640
so dass dieser ein Büschel Haare in der Hand blieb 
und stürzte auf den seitwärts stehenden Tisch los.

266
00:30:51,280 --> 00:30:58,480
Dann riss sie die Lade auf und bewaffnete sich mit 
einem langen Messer. Mit diesem stürmte sie auf

267
00:30:58,480 --> 00:31:04,680
die alte Mutter ein, welche ihr wehrlos preisgegeben 
war. Das Messer der Tochter wühlte nun

268
00:31:04,680 --> 00:31:09,840
in raschen Stößen an verschiedenen Stellen des 
weißhaarigen Kopfes der alten Mutter und als diese

269
00:31:09,840 --> 00:31:16,880
mit aller Kraftanstrengung sich von der entarteten 
Tochter losmachen wollte, rannte ihr dieselbe die

270
00:31:16,880 --> 00:31:23,840
Klinge tief in die rechte Augenhöhle, worauf die 
zu Tode getroffene mit einem entsetzlichen Schrei

271
00:31:23,840 --> 00:31:34,200
zu Boden stürzte. Unmittelbar darauf war nur das 
Todesröcheln der Ermordeten zu hören. Dies alles

272
00:31:34,200 --> 00:31:41,680
war das Werk weniger Minuten. Entsetzt floh ein 
Teil der Außenstehenden von dem Tatorte, um die

273
00:31:41,680 --> 00:31:49,520
Organe der Polizei zu alarmieren. Bald darauf kam 
der Gatte nach Hause und vernahm mit Schrecken das

274
00:31:49,520 --> 00:31:56,400
Geschehene. Die Türe musste mit Gewalt eröffnet 
werden und beim Eintreten sah man nun die Mutter

275
00:31:56,400 --> 00:32:02,800
im Todeskampf auf der Erde liegen. Anfangs gab man 
sich der Meinung hin, die Mörderin sei durch das

276
00:32:02,800 --> 00:32:09,400
Fenster entsprungen. Aber ein Amtsdiener entdeckte 
sie hinter dem Bett kauernd und zog sie hervor.

277
00:32:10,160 --> 00:32:16,720
Die Verbrecherin stellte sich ohnmächtig. Als 
jedoch der wiederkehrende Arzt ihren Puls fühlte

278
00:32:16,720 --> 00:32:22,640
und mit Energie sie ermahnte, ihre nutzlose 
Verstellung aufzugeben, erhob sie sich mit

279
00:32:22,640 --> 00:32:30,120
empörender Dreistigkeit. Nachdem der herbeigeholte 
Polizeikommissär den Tatbestand aufgenommen hatte,

280
00:32:30,120 --> 00:32:36,240
wurde die Sterbende in das Krankenhaus geschafft, 
wo sie eine halbe Stunde darauf verschied. Bei

281
00:32:36,240 --> 00:32:41,200
dem gerichtlichen Befunde zeigte sich dicht 
am rechten Auge der Gemordeten ein mit einem

282
00:32:41,200 --> 00:32:49,880
Messer beigebrachter Stich. Die Mörderin, obwohl 
sozusagen bei der Tat ertappt, leugnete hartnäckig

283
00:32:49,880 --> 00:32:55,560
und selbst der Zuruf ihres Mannes: "Hast du nicht 
schon gesagt, du willst die Mutter mit der Hacke

284
00:32:55,560 --> 00:33:03,080
erschlagen?" erschütterte sie nicht. In dem 
Momente, als die Mörderin abgeführt wurde und

285
00:33:03,080 --> 00:33:09,440
an den Frauen des Hauses vorübergehen musste, 
sprach sie zu diesen mit empörender Frechheit:

286
00:33:09,440 --> 00:33:17,000
"Nicht wahr, ihr lacht, weil wieder eine Böhmin 
geliefert wird?" Von ihrem Manne nahm sie Abschied

287
00:33:17,000 --> 00:33:23,920
mit den Worten: "Auf Nimmerwiedersehen!" 
Die Mörderin wurde gestern vormittags dem

288
00:33:23,920 --> 00:33:42,840
Landesgerichte übergeben. Die Voruntersuchung 
wird Herr Landesgerichtsrat Fischer leiten.

289
00:33:42,840 --> 00:33:49,400
Ja, das war's wieder für diese Folge. Ich hoffe, 
es war etwas für Sie dabei. Ich hoffe auch, dass

290
00:33:49,400 --> 00:33:58,720
ich alle Berliner Straßennamen etc. einigermaßen 
korrekt ausgesprochen habe. Sie können mir gerne

291
00:33:58,720 --> 00:34:05,920
Anregungen, Wünsche und Beschwerden per E-Mail 
senden an info@stefanfranke.at. Schauen Sie sich auch

292
00:34:05,920 --> 00:34:14,360
gerne auf meiner Website www.stefanfranke.at um. 
Da gibt's viele alte Texte zum Anhören, Hinweise

293
00:34:14,360 --> 00:34:31,040
auf meine Lesungen und so weiter und so fort. Und 
mir bleibt nur noch zu sagen, bis zum nächsten Mal.

294
00:34:31,040 --> 00:35:00,840
*Musik*

295
00:35:00,840 --> 00:35:09,360
*Musik*